Gentechnik? Ja, natürlich, besser nicht

11. Mai 2006, 18:25
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Josef Glößl meint im STANDARD- Streitgespräch, dass die Diskussion nur auf Emotionen, und nicht auf Fakten beruht, Jens Karg verweist auf viele unbekannte Risiken

DER STANDARD: Die Mehrheit der Österreicher, der EU-Bürger haben gegen Gentechnik in Lebensmitteln große Vorbehalte. Sind die Ängste berechtigt?

Karg: Ja. Beim Einbau künstlicher Gene laufen unkontrollierte Nebenprozesse ab. Auf mögliche Gefahren dieser Effekte wird nicht eingegangen. Es gibt nach wie vor keine Langzeitstudien, obwohl das das EU-Recht vorschreibt.

Glößl: Ich sehe das grundsätzlich anders. Die Menschen brauchen keine Angst zu haben vor gentechnischen Lebensmitteln weil diese sind sehr gut geprüft. Sogar wesentlich besser als konventionelle Lebensmittel, weil es dort weniger Vorschriften gibt. Und es müssen mehr Voraussetzungen gegeben sein, damit ein GVO-Lebensmittel zugelassen wird. Das Genprodukt muss unbedenklich sein und es muss eine anerkannte Kulturpflanze sein. Es gibt einen gesetzlich vorgeschriebenen Weg, das zu prüfen und für das Lebensmittel ebenfalls. Man kann davon ausgehen, dass GVO-Lebensmittel gleich sicher sind wie konventionelle.

DER STANDARD: Nun wird aber bereits eine Verfütterung von 72 Tagen als Langzeitstudie gewertet.

Karg: Es wird sehr wenig untersucht. Es wird das Konstrukt untersucht aber nicht die gesamte Pflanze. Und wir wissen, dass Pflanzen, Lebewesen, sehr komplexe Organismen sind. Wenn man sich nur einen Baustein raus nimmt und sich nur diesen anschaut, ist das, als würde man sich mit Legosteinen beschäftigen und nicht mit Konstrukten, die massive Wechselwirkungen haben.

Glößl: Die Forderung nach Langzeitstudien geht ins Leere, weil, es gibt den Begriff der substanziellen Äquivalenz von Nahrungsmitteln, d.h. dass das was aus GVO-Pflanzen gewonnen wird, ist im wesentlichen gleichwertig zu dem, was man aus bekannten Kulturpflanzen gewinnt. Natürlich ist es so, dass ein Gen, das in eine Pflanze eingeführt wird, auch unerwartete Auswirkungen haben kann. Aber das passiert genauso, wenn man konventionelle Kreuzungen macht. Bei jeder sexuellen Vermehrung wird die Erbinformation nach einem Zufallprinzip durchmischt. Dh. wir haben immer wieder Änderungen in den Inhaltsstoffen.

DER STANDARD: Also ist das Ganze eine Glaubensfrage.

Glößl: Nein, es ist keine Glaubensfrage. Es ist eine Frage der Fakten.

Karg: Da haben Sie jetzt einiges unter den Tisch fallen lassen. Bei der Gentechnik werden artfremde Gene eingesetzt, über deren komplexe Auswirkungen wir keinerlei Ahnung haben. Da sind die Risiken nach wie vor nicht erforscht. Wenn zum Beispiel ein Nussgen, gegen das viele allergisch sind, in einen Apfel eingesetzt wird.

Glößl: Heute weiß man sehr viel über Allergene und wir wissen, welche Eigenschaften sie haben. Man kann das gezielt untersuchen und im Fall des Falles wird die Entwicklung gestoppt.

Karg: Wir stellen aber andere Dinge in der Realität fest. Das Zulassungsverfahren berücksichtigt viele Allergene überhaupt nicht. Zusätzlich kann es durch den Anbau zur Verschmutzung der Nahrungskette mit nicht für den menschlichen Verzehr zugelassenem kommen. Was es im Fall StarLink gab, dieser Mais mit allergenem Potential fand sich in über 300 Maisprodukten, bevor eine groß angelegte Rückrufaktion anlief. Und damit sind wir bei einem wichtigen Punkt. Wir brauchen diese Produkte nicht; der Konsument will sie nicht und sie bringen uns keine Verbesserung der Lebensmittelqualität. Warum sollte man sich einem Risiko aussetzen, das nicht mal ausreichend geprüft wird.

Glößl: Man kann nicht pauschal sagen, dass das, was entwickelt wird, nicht gebraucht wird. In der Forschungspipeline sind sehr viele interessante Produkte dabei, für Konsumenten, die Landwirtschaft und die Umwelt. Es gibt allerdings auch eine Reihe von Produkten, wo man sich fragt, ob wir diese brauchen. Man muss sich das daher differenziert ansehen. Aber da würden wir das Kind mit dem Bade ausschütten, würde man argumentieren, wir brauchen die ganze Entwicklung nicht. Es gibt nirgendwo ein Nullrisiko, auch nicht bei den am Markt befindlichen konventionellen und biologischen Lebensmitteln.

DER STANDARD: Dann stellt sich aber schon die Frage: Braucht eine mit Überproduktion kämpfende Landwirtschaft den Produktivitätsschub, der durch GVO ausgelöst werden kann?

Glößl: Produktivitätssteigerung ist gar nicht das primäre Ziel dabei, es kann ein Aspekt sein. Wichtige Ziele sind Ertragssicherheit, Qualitätskriterien für Nahrungsmittel und andere wertvolle Inhaltsstoffe sowie die Umweltverträglichkeit der Produktionsmethoden. Und da gibt es viele Produkte, die derzeit für zukünftige Anwendungen in Entwicklung sind.

Karg: Ich halte das für sehr fadenscheinig. Es ist auch bisher keine Produktivitätssteigerung eingetreten. Wir sehen maximal die gleichen Erträge. Und zur Sicherheit: Es kam bereits zu Massenselbstmorde bei indischen Baumwollbauern, weil die sich verschuldet hatten, um dieses Saatgut zu kaufen und es wieder holt zu Missernten kam. Zum Umweltschutz, einem weiteren Versprechen der Gentechnikindustrie: Studien belegen einen geringeren Pestizideinsatz in den ersten drei jahren, binnen neun Jahren ist der Pestizideinsatz um zehn Prozent gestiegen. Zusätzlich tauchen resistente Superunkräuter auf. Wo habe ich da die Umweltverbesserung? Eine Lösung ist manche Probleme ist simple Fruchtfolge. Große Monokulturen schaffen massive Probleme.

Glößl: Fruchtfolge ist natürlich ein sinnvoller Ansatz. Aber die landwirtschaftliche Praxis hat auch eine andere Realität. Mein Plädoyer ist, dass man sich genau anschaut, wo es was bringt. Ein gutes Beispiel, wo der Insektizideinsatz bei Baumwolle stark reduziert werden konnte, wurde in einer wissenschaftlichen Publikation aus China berichtet. Dadurch kam es zu einer deutlichen Verbesserung der Gesundheitssituation der Kleinbauern. Das ist ein Beispiel, wo in einem Entwicklungsland Mensch und Natur durch den Einsatz von Gentechnik entlastet werden können.

DER STANDARD: Thema Koexistenz, also das Nebeneinander von Gentechnik-, konventioneller und biologischer Landwirtschaft. Ist das in Österreich überhaupt möglich?

Karg: Da sehen wir auch ein großes Problem kommen. Sie ist für Österreich sicherlich nicht möglich, auch eine Studie im Auftrag der EU-Kommission kommt zu diesem Schluss. Die Gentechnologie ist so aggressiv, dass es keine Wahlfreiheit mehr gibt. Will man Gentechnik- Landwirtschaft in Europa sinnvoll betreiben, braucht man erlaubte Schwellenwerte von 0,5 Prozent am Feld bzw. 0,9 Prozent im Handel und das heißt nach unserem Verständnis, dass man keine Gentechnik-freie Landwirtschaft mehr hat. Das heißt für mich, es gibt keine Koexistenz.

Glößl: Meiner Meinung nach ist Koexistenz sehr wohl möglich, wenn man einen pragmatischen Schwellenwert einführt und das halte ich für ein Gebot der Stunde. Wichtig ist festzuhalten, dass das, was an gentechnischen Produkten auf den Markt kommt, kein Gesundheitsrisiko darstellt. Eine geringfügige Kontamination, stellt daher keine Umwelt- oder Gesundheitsgefahr dar. Ein pragmatischer Schwellenwert ist zu machbaren Kosten handhabbar. In jeder Region werden unterschiedliche Kulturpflanzen angebaut und wenn zum Beispiel gentechnisch veränderter Mais da ist, hat das auf andere Pflanzenarten überhaupt keinen Einfluss. Koexistenz betrifft immer Felder der gleichen Kulturart.

Karg: Also wenn Wahlfreiheit heißt, dass halt dann alles ein bisschen kontaminiert ist, ist das eine Mogelpackung. Wir zerstören damit unsere Landwirtschaft, die nur mit qualitativ hochwertigen Produkten konkurrenzfähig ist und für die Konsumenten ist Gentechnikfreiheit in Qualitätskriterium.

Gößl: Man muss natürlich zu Regelungen kommen, mit der alle Teile der Landwirtschaft leben können. Aber es gibt auch einen Rückkoppelungseffekt zur Forschungspolitik und da müssen wir sehr genau aufpassen, dass wir zu Vorgangsweisen kommen, die sinnvoll sind und die Zukunftschancen nicht verbauen. Vor etwa 15 Jahren hatten wir eine sehr kontrovers geführte Diskussion in Europa um die Anwendung von Gentechnik in der Medizin. Zum Beispiel die Herstellung von Humaninsulin in Deutschland. Es gab bereits eine fertige Produktionsanlage, die geeignet gewesen wäre, den Weltmarktbedarf mit Humaninsulin zu decken. Das wurde damals verhindert durch Proteste. Daraufhin wurde die Insulinproduktion in die USA verlegt, und der gesamte Bedarf wird von dort aus abgedeckt. Heute ist die Herstellung gentechnisch produzierter Medikamente allgemein akzeptiert, eine analoge Entwicklung erwarte ich auch für den Bereich der Landwirtschaft und der Nahrungsmittel. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.3.2006)

Zur Person

Professor Josef Glößl (52) leitet das Institut für Angewandte Genetik und Zellbiologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. An seinem Institut wird Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung in der Biotechnologie betrieben. Jens Karg (37) ist studierter Politikwissenschafter und bei der Umweltorganisation Global 2000 für die Gentechnikkampagne verantwortlich.

Das Gespräch wurde moderiert von Johanna Ruzicka.
  • Josef Glößl (li.), Jens Karg
    foto: standard/andy urban

    Josef Glößl (li.), Jens Karg

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