Präsident Karsai unter Druck

27. März 2006, 15:51
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Westliche Politker intervenieren für Abdul Rahman, dem wegen seines Übertritts zum Christentum die Todesstrafe droht

Afghanistans Präsident Hamid Karsai steht unter Druck: Führende Politiker des Westens fordern ihn auf, den Fall des wegen seines Übertritts zum Christentum mit der Todesstrafe bedrohten Abdul Rahman "positiv zu Ende zu bringen", er muss aber Islamisten berücksichtigen.

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Kabul/Berlin/Washington/Ottawa - Vorsichtige Hoffnung bot Kanadas Ministerpräsident Stephen Harperin am Donnerstagabend: Er habe mit dem afghanischen Präsidenten telefoniert und Hamid Karsai habe ihm gesagt, er brauche wegen der Hinrichtung nicht besorgt zu sein. Es werde eine Lösung für den wegen seines Übertritts zu Christentum vom Todesurteil bedrohten Abdul Rahman geben.

Zuvor hatte US-Außenministerin Condoleezza Rice Präsident Karsai angerufen und gedrängt, das Verfahren rasch und "positiv zu Ende zu bringen". US-Präsident George W. Bush, der eigenen Worten zufolge in Afghanistan ein positives Beispiel für die Ausbreitung von Demokratie und Freiheit in der Welt sieht, zeigte sich über den Fall "sehr besorgt".

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte mit Karsai. Sie kündigte an, im Kreis der Europäischen Union werde man deutlich machen, "dass Afghanistan seine internationalen Verpflichtungen einhalten muss".

Rahman, der sich jahrelang in Deutschland aufgehalten hatte und dort zum christlichen Glauben übergetreten war, ist bisher nicht offiziell angeklagt. Ihm droht nach dem islamischen Gesetz, der Scharia, die Todesstrafe, weil er zum Christentum konvertiert ist und sich weigert, wieder zum Islam überzutreten.

Der Kommandeur des deutschen Kontingents in der UN-Schutztruppe in Afghanistan (Isaf), Christof Munzlinger, hat inzwischen vor einer Zuspitzung des Streits gewarnt. Die Sicherheitslage habe sich trotz vieler Erfolge bei der Demokratisierung in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert, sagte Munzlinger. "Wir sollten die angespannte Situation nicht mit verbalen Attacken gegen die Regierung von Karsai noch verschlimmern."

Vorsichtige Seelsorger

Ähnlich umsichtig verhalten sich die internationalen Militärseelsorger, die sich um die Soldaten im Rahmen des Isaf-Einsatzes kümmern. Den gegenwärtigen Konflikt um Rahman sieht der deutsche Militärdekan Joachim Simon vor dem Hintergrund der jüngsten Geschichte des Landes.

In den Siebzigerjahren habe dort noch ein liberales Klima geherrscht, Kabul sei eine "fröhliche Baracke" gewesen mit üppigem Nachtleben. Nach dem sowjetischen Einmarsch 1979 sei es als Reaktion zu einer Renaissance der Religion gekommen - was die Taliban mit ihrer Unterdrückung jeglicher Lebensfreude überreizt hätten.

Nach dem Sturz des islamistischen Regimes gebe es wieder größere Freiheit, tauschten viele Frauen die völlig verhüllende Burka gegen das einfache Kopftuch. Nun seien die Religionsführer besonders misstrauisch - und beobachteten mit Argusaugen jegliche Abkehr vom Islam.

Spiel mit dem Tod

Bruder Thomas, stellvertretender Prior der in Afghanistan tätigen deutschen "Christusträger-Bruderschaft", sieht das schärfer. In einem Interview zum Fall Rahman erläuterte er grundsätzlich: "Selbst wenn eine Konversion zum Christentum nicht strafrechtlich belangt würde, käme der Betroffene nicht ungeschoren davon. Man spielt mit dem Tod, wenn man in Afghanistan als Muslim Christ wird." (AFP, Reuters, KAP/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

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    Der Afghane Abdul Rahman verteidigt seinen christlichen Glauben, einem Fernsehteam zeigt er eine Bibel, die in seine Muttersprache übersetzt worden ist.

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