Bei den Earls

26. März 2006, 21:22
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Wer glaubt, Eissalon-Saisoneröffnungen sind nur etwas für gelangweilte Regional-Reporter irrt ...

Sogar Internationale Presseagenturen schicken ihre besten Leute zum Tichy-Opening

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Es war vorige Woche. Beim Tichy. Ein Ritual-Termin: Der Eissalon am Reumannplatz bat zur Saison-Eröffnung – und wenn unsereiner nichts Dringenderes zu tun hat, geht er gerne hin. Obwohl jeder Hydrant die dazugehörige Geschichte auch ohne vor Ort zu sein aus dem Rückenmark tippen könnte: Tichy sperrt auf. Frühling. Endlich. Juhu. Ende.

Egal. Denn Journalismus ist – auch - Wiederholung. Und so sitzen da jedes Jahr ein paar der austauschbareren Wiener Promis und üben Kamera-Eisessen. Aber weder sie noch ein Journalist verlässt diese Veranstaltung mit leerem Magen und leeren Taschen: Der großer Sack Eismarillenknödel sorgt nach der Tichy-Eröffnung jedes Jahr auch bei uns für gute Laune.

Die Earls of Sandwich

Aber neben den Lugners, Domino Blues oder Gerda Rogers dieses Planeten tritt bei solchen Veranstaltungen noch eine zweite Kategorie „Üblicher Verdächtiger“ auf: Pressekonferenzen, bei denen es etwas abzustauben – oder gutes Essen – gibt, sind ohne die „Earls of Sandwich“ nicht vorstellbar. Und eines der größten Rätsel an dem meine Kollegen und ich regelmäßig scheitern, ist zu ergründen woher dieser Senioren-Heuschreckenschwarm eigentlich immer so genau weiß, was wann wo stattfindet – und sich noch dazu auszahlt: So billig ist ein APA-Zugang auch wieder nicht.

Darum war ich kein bisserl überrascht, beim Tichy nur mit Mühe einen Sitzplatz zu bekommen: Die Earls waren (wie immer) schon früher gekommen: Der kleine Mann, der immer in schwarzem Anzug und mit Pferdeschwanz auftritt und den der dicke Krone-Fotograf nur „der Abzwickte“ nennt. Der langhaarige Brillenträger mit der schwarzen Lederhose und Cowboyboots. Die kleine Frau mit der roten Chris-Lohner-Frisur (oder Perücke). Die blondierte Großmutter mit dem Alt-Hietzing-Auftreten, die nie ohne Mütze oder Hut kommt. Der graue Anzugmann mit der dicken Hornbrille, der für mich immer das Missing Link zwischen meinem ehemaligen AHS-Musikprofessor und Erich Honecker darstellen wird. Und so weiter. Die volle Besetzung war nach Favoriten angereist: Das Buffet war schon halb leer. Und die armen Tichy-Damen – angewiesen, der Pressemeute ja keinen Wunsch abzuschlagen - kamen mit dem Kaffee-, Orangensaft-, Brötchen- und Eis-Nachliefern kaum nach. Das übliche Bild.

Zeitvertreib

Natürlich war auch die große Rundbrillenträgerin mit den rot gefärbten und ganz eng an den Kopf frisierten Schneckerln da. Und zufällig war neben ihr der einzige freie Platz. (Genauer: Krone- und Apa-Fotograf rutschten zusammen, um mir ein Plätzchen frei zu machen) Mir war langweilig. Darum stellte ich mich vor – und fragte, für wen sie denn da sei. So, wie ich – und jeder andere Journalist - das egal wo auf der Welt schon etwa eine Million Mal gemacht hat.

Aber die Schneckerlfrau ignorierte mich. Beim zweiten Mal fuhr sie mich an: „Ich bin beruflich hier. Ich habe zu tun. Sehen Sie nicht, dass sie stören?“ Dann nahm sie noch ein Stück Kuchen. Die Fotografen grinsten erwartungsvoll. Ich legte meine Visitenkarte auf den Tisch – und fragte noch einmal. „Ich komme für die internationale Presseagentur“, fauchte die ältere Dame. Ich tat ahnungslos-harmlos: „Für welche denn?“ Sie wurde fuchtig: „Die heißt so. Internationale Presseagentur. Mit Sitz in London. Fleet Street. Ich bin im Auftrag meiner Agentur hier – und ich wüsste nicht, was sie das angeht.“

Keine Rechenschaft schuldig

Ich blieb höflich. Und erklärte, dass es doch nur verständlich sei, dass man irgendwann wissen wolle, wie Kollegen, die man alle paar Tage sähe, über die Ereignisse berichten, die man da gemeinsam erlebe. Ob ich denn in irgendeinem internationalen Archiv... Oder über welches Agenturnetz ... „Das geht sie alles nichts an. Ich habe einen Presseausweis. Den könnte ich vorlegen – aber das tue ich nicht. Ich bin einzig und allein meinen Auftraggebern Rechenschaft schuldig. London, Fleet Street. Internationale Presseagentur. Überprüfen sie das ruhig.“ Das nächste Stück Kuchen.

Ich verkniff mir die Frage nach der Relevanz der 55. Saisoneröffnung am Reumannplatz für eine internationale Agentur – und fragte, ob es denn vielleicht eine Homepage gäbe. Schließlich sei die Dame ja auf so vielen Veranstaltungen, über die ich auch berichten würde, dass es für mein Blatt doch eventuell sogar überlegenswert wäre, manchmal auf ihre Agenturdienste zurückzugreifen. Gerade weil die internationale Presseagentur ihre Mitarbeiter ja offensichtlich wirklich überall hin entsende. „Es gibt eine Homepage – aber nicht für sie. Wir arbeiten nur mit seriösen Medien.“ Mittlerweile kreischte sie fast. Die Fotografen neben mir glucksten vor Lachen.

In Vertretung

Ich beließ es dabei – und grüßte jene Dame (die kleine mit der Chris-Lohner Frisur), die mir einmal – vor Jahren - auf die gleiche Frage das Wort „Pressearbeit“ ins Gesicht geschleudert hatte. Als ich fragte „äh ja, aber für wen?“, hatte sie mit „ich komme oft in Vertretung“ gekontert – und war dann zwischen den am Buffet Schlange stehenden Menschen abgetaucht. Die Dame ignoriert mich seither eisig. Egal.

Reuters?

Natürlich habe ich – sicherheitshalber – letzten Freitag noch ein bisserl recherchiert: In der „Fleet Street“ gibt es keine „Internationale Presseagentur. Aber vielleicht habe ich ja auch schlecht recherchiert – oder etwas missverstanden: Schließlich lautet London, 85, Fleet Street seit 1939 die Postanschrift von Reuters. Bloß: Diese Internationale Presseagentur ist vor fast einem Jahr aus dem legendären Zeitungsdistrikt weggezogen – und zwar als letztes großes Medienunternehmen. Die neue Reuters-Adresse lautet: 30, The South Colonnade, Canary Wharf. Bei unserem nächsten Treffen werde ich das der Sandwich-Dame sagen – nur für den Fall, dass sie einmal von einem der Leute, auf deren Veranstaltungen sie ist & isst, nach ihrer Redaktionsadresse gefragt wird.

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von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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