Die Energie der Intuition

23. März 2006, 18:27
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Wolfgang Muthspiel gastiert mit seinem neuen Trio mit Matthias und Andreas Pichler am Montag im Wiener Konzerthaus - Der Musiker im STANDARD-Gespräch

Muthspiel über das Band-Debüt "Bright Side" und Spontaneität.


Wien - "Wien ist eine Stadt, die einen in Ruhe lässt. Wenn man nicht auf Einflüsse von außen angewiesen ist, dann ist Wien ein schöner Ort zum Arbeiten. Diese Einflüsse habe ich 15 Jahre lang sehr bewusst aufgesogen. Jetzt ist es ein anderes Arbeiten, wesentlich mehr von mir selbst ausgehend." Wolfgang Muthspiel musste diese Frage in den letzten fünf Jahren wohl häufig beantworten: Wie es denn um einen stehe, der sich in New York einen Namen gemacht hat und der anno 2001 seinen Wohnsitz zurück in die Alte Welt, konkret nach Wien-Wieden verlegt habe.

Mit dem gesetzteren Ambiente an der Donau scheint indessen auch in Gitarrist Muthspiel selbst Ruhe eingekehrt zu sein. Bright Side, das neue CD-Werk, setzt den Kurs der 2004 veröffentlichen Solo-CD fort und steht im Zeichen luftig heller Stimmungen und introspektiver Meditationen, in denen Assoziationen an die klassische Gitarren-Vergangenheit ebenso auftauchen wie an ambient- und postrockinspirierte Entschleunigung, wiewohl Muthspiel in Stücken wie Charles Mingus' East Coasting auch an seine Pat-Metheny-Roots erinnert.

Dies alles findet sich in kurze, kompakte Einheiten verpackt. Eine Nachwirkung der Zusammenarbeit mit der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken, die in Muthspiel - nunmehr ebenfalls in Wien wohnhaft - eine erfolgreiche Karrierestartrampe fand? "Absolut. Meine Grundliebe zur Songform ist durch Rebekka wieder belebt worden. Es ist ein Anschluss an Musiken, die ich früher geliebt und die mich extrem direkt betroffen haben. Beatles, Joni Mitchell. Lange lag der Hauptfokus darauf, möglichst elegant und frei durch den Parcours der Akkorde zu schwingen wie beim Skifahren. Das ist mir mittlerweile zur zweiten Natur geworden - und der Fokus geht zurück zum Song."

Warum diese Songs - auf Bright Side - tendenziell derart introvertiert klängen? Muthspiel kann und will es nicht begründen. Denn ein weiteres Anliegen ist es, "nur das zu spielen oder zu schreiben, was ich in mir wirklich höre - kein Konzept und keine ehrgeizigen Ambitionen sollen dieser Stimme in die Quere kommen", wie er im Inlet zu Bright Side vermerkt. "Ich bin auf der Suche nach wirklichem Improvisieren im Moment. Das macht die Arbeit besser und leichter, du hörst in dich selbst hinein, spielst das, was daherkommt - und das war's. Es gibt keine großen Ziele - außer in diesen Prozess einzutauchen."

Ob derlei rational unbeschwerte, ungefilterte Musikproduktion nicht auch mitunter leichtgewichtige musikalischen Gedanken zeitigen könne, wie man angesichts einiger Stücke auf Bright Side argwöhnen könnte? "Alles, was man im Moment hört, hat meistens schon von sich aus eine gewisse Energie oder Relevanz - auch wenn die Phrase einfach ist", hält Muthspiel dem entgegen.

Auch andere Dinge kehren im gebürtigen Judenburger, der kürzlich im Rahmen eines Filmprojekts des Schweizer Regisseurs Pierre-Yves Borgeaud in Senegal weilte und dort Teil einer Jazzformation um Youssou N'Dour war, wieder: Vor zwei Jahren hat er nach Jahren in oft prominenten, aber kurzlebigen Bandkontexten eine neue Working Group ins Leben gerufen - mit dem hochtalentierten Tiroler Zwillingsbrüderpaar Matthias (Bass) und Andreas Pichler (Drums). Ein Anknüpfen an den berühmten Dreier mit Peter Herbert und Alex Deutsch, mit dem Muthspiel Ende der 80er-Jahre bekannt wurde?

"Dieses Trio bedeutete damals für mich den Aufbruch, wie haben extrem viel geprobt, das war ein ganz intensives Band-Gefühl. Das wollte ich wieder haben - und mit Andreas und Matthias Pichler hat es sich bisher gut entwickelt. Keiner von uns ist ersetzbar - sonst wäre es eine andere Band." (DER STANDARD, Printausgabe, 24.03.2006)

Von Andreas Felber

Live-Tipp:
27. 3. Wien, Konzerthaus.

CD-Tipp:

Wolfgang Muthspiel Trio: Bright Side (Material Records/Lotus)
  • Hat die Liebe zur Songform wiederentdeckt - und zur reinen Improvisation: Jazzer Wolfgang Muthspiel. Am Montag spielt er mit neuem Trio im Wiener Konzerthaus.
    foto: standard/corn

    Hat die Liebe zur Songform wiederentdeckt - und zur reinen Improvisation: Jazzer Wolfgang Muthspiel. Am Montag spielt er mit neuem Trio im Wiener Konzerthaus.

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