Verhaftungswelle in Minsk

24. März 2006, 06:34
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Mindestens 250 Demonstranten festgenommen

Minsk/Kiew – Gut 15.000 Menschen hatten am Sonntag in Minsk gegen die mutmaßliche Fälschung der Präsidentschaftswahl protestiert. Von den 4000, die davon am Mittwochabend übrig waren, harrten einige Hundert Verwegener die Nacht auf Donnerstag über in einer kleinen Zeltstadt auf dem Oktoberplatz von Minsk aus. Die Hundertschaften in Bereitschaft stehender Sicherheitskräfte haben zwar vorerst – entweder auf Druck Moskaus, wie vermutet wird, oder weil Präsident Alexander Lukaschenko sich von den Protesten unbeeindruckt zeigen will – keinen Großangriff gestartet, aber ihren Druck konsequent verstärkt.

Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten sind seit Sonntag mindestens 250 Personen verhaftet worden, landesweit könnte sich die Zahl auf mehr als 400 erhöhen, von mehreren ist der Verbleib unklar. Laut der Menschenrechtsorganisation Wiasna wurden die meisten der Festgenommenen wegen "Randalierertums" zu Gefängnisstrafen von einigen Tagen bis zu zwei Wochen verurteilt.

Für Ende der Proteste

Die Opposition steht vor der Frage: Wie weitermachen? Auch ihr Anführer Alexander Milinkewitsch muss damit rechnen, verhaftet zu werden. Die Demonstrationen werden das Regime nicht stürzen können, dessen ist sich auch Milinkewitsch bewusst. Am Samstag will er noch einmal große Menschenmassen versammeln. Der zweite Oppositionskandidat, Alexander Kosulin, von manchen als Schützling Moskaus verdächtigt, hat sich inzwischen, wie er sagt, zur Sicherheit der Demonstranten, für ein Ende der Proteste ausgesprochen.

Lukaschenko wird am 31. März für seine dritte Amtszeit vereidigt. Am Donnerstag wurde er offiziell zum Wahlsieger mit 82,6 Prozent der Stimmen erklärt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.3. 2006)

von Eduard Steiner
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