High Noon nach den Riesenverlusten

27. März 2006, 10:32
118 Postings

Gewerkschaftsbank hat eine Milliarde Euro in den karibischen Sand gesetzt - heute geht es um die Konsequenzen aus dem zweiten Debakel nach dem Refco-Kredit

Freitag wird, einmal mehr, zum Lostag für die Bawag P.S.K. Um Punkt neun Uhr tritt der Aufsichtsrat der Bank in der frisch renovierten Postsparkasse in der Wiener Innenstadt zu einer außertourlichen Sitzung zusammen. Der seit Jänner amtierende Chef der Bank, Ewald Nowotny, hat die Bawag-Kontrollore aus einem einzigen, wenig erbaulichen, Grund zusammengetrommelt: Information über die Karibik-Verluste.

Unter Zugzwang gerät vor allem Günter Weninger, ÖGB- Finanzchef und Aufsichtsratsboss der Bawag. Seine Tage als Chefkontrollor der Bank dürften gezählt sein – umso mehr, als sein Rücktritt schon Ende 2005 gefordert wurde: Damals war der Refco-Kredit (425 Mio. Euro über Nacht an das US- Brokerhaus) aufgeflogen, für den fast 400 Mio. Euro wertberichtigt wurden.

Kein Kommentar

Dass Weninger von den nun aufgetauchten Karibik-Verlusten nichts gewusst haben könnte, glaubt schlichtweg niemand. Er selbst ist nicht zu erreichen. Ob ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch Bescheid wusste? "Kein Kommentar", sagt seine Sprecherin.

Fieberhaft wurde in den vergangenen 48 Stunden nach einem Nachfolger für Weninger gefahndet, möglicherweise könnte der kleinste gemeinsame Nenner Tourismusgewerkschafter Rudolf Kaske heißen (derzeit Aufsichtsratsvize). Eine Lösung, die ein Wiener ÖGBler nicht für "nachhaltig" hielte: "Es sollte jemand in den Aufsichtsrat, der das Bankgeschäft wirklich gut kennt. Wir müssen endlich alles aufräumen, brauchen endlich absolute Seriosität. Sonst kommt die Bawag nie aus den Skandalen heraus."

Nur eines gilt derzeit als ziemlich sicher: Der künftige Bawag-Präsident wird nicht automatisch auch ÖGB-Finanzchef sein.

Die Karibik-Gesellschaften

Vor mehr als einer Woche waren im Rahmen der Refco- Kreditaffäre Bawag-Gesellschaften in der Karibik aufgetaucht, in denen die Banker zwischen 1995 und 2000 Verluste aus schief gegangenen, hochriskanten Veranlagungen geparkt hatten. Sage und schreibe eine Milliarde Euro hat die Bawag in rund fünf Jahren in den karibischen Sand gesetzt. Eine Summe, die der STANDARD am Mittwoch veröffentlichte – woraufhin im Aufsichtsrat und im ÖGB Feuer am Dach ausbrach.

Frage nach der Verantwortung

Keine drei Monate, nachdem der für den Refco-Kredit verantwortliche Bawag-Chef Johann Zwettler seinen Hut nahm, stellt sich also erneut die Frage nach der Verantwortung für ein Debakel. Als sicher gilt, dass auch der Vorstand demnächst verkleinert wird, zwei bis drei Manager (Christian Büttner, Peter Nakowitz, Herbert Legradi) dürften gehen.

Aufgenommen wurden die Karibik-Geschäfte 1995 vom damaligen Bawag-Chef Helmut "Marcel" Elsner. Erst kurz davor hatte die Bawag unter Walter Flöttl ihre ersten Karibik-Geschäfte abdrehen müssen; sie waren vom US-Investmentbanker und Flöttl-Sohn Wolfgang abgewickelt worden. Karibik römisch zwei wurde dann wegen ausufernder Verluste abgedreht, von Elsner selbst. Laut Format war der Aufsichtsrat jedenfalls am 17. September 1998 informiert worden, damals hätten laut Protokoll "die Sondergeschäfte mit Dr. Flöttl (Wolfgang, Anm.) ein Volumen von 550 Mio. Dollar und bis dato einen Ertrag von 554 Mio. Schilling lukriert".

Gesellschaften auf steuerparadiesischen Inseln, in Liechtenstein, in Irland, auf den Kanalinseln; hochspekulative Geschäfte an der Wall Street, die sonst eher "Turbokapitalisten" als Gewerkschaften tätigen: "All das liegt jenseits meines Vorstellungsvermögens. Jetzt müssen endlich ein paar Leute ihre Verantwortung wahrnehmen und gehen", fordert ein hoher Gewerkschaftsfunktionär. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.3.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der seit Jänner amtierende Chef der Bank, Ewald Nowotny, trommelt die Bawag-Kontrollore aus einem einzigen, wenig erbaulichen, Grund zusammen: Information über die Karibik-Verluste.

Share if you care.