Sterbekultur als ethische Herausforderung

23. März 2006, 12:44
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Diskussion in Graz: Mehr Würde für Kranksein und Sterben - Akzeptanz des Todes wird den Betroffenen oft verweigert

Graz - Ist der Tod ein Versagen? Zur Sterbekultur als ethische Herausforderung diskutierten am Mittwochabend drei Grazer Uni-Professoren sowie ein Pfarrer unter der Leitung von Karl Acham vom Institut für Soziologie der Uni Graz. Eine neue Sterbekultur sei notwendig, in der Kranksein und Sterben mehr Würde erhalten, so der Tenor - ebenso wie, dass die Medizin gegen das Leiden, nicht aber gegen den Tod kämpfen könne und dass den Betroffenen oft die Akzeptanz des Todes verwehrt werde.

"Na, Herr Pfarrer, soweit is' noch net" bekomme er beim Betreten eines Krankenzimmers oft zu hören, erzählte Bernd Oberndorfer, Krankenhaus-Seelsorger am LKH Graz. Jährlich begleitet der Pfarrer 400 bis 500 Sterbende. Tatsächliche Sterbebegleitung sei es aber nur für rund ein Dutzend: "Für mehr reichen Kraft und Zeit nicht", so Oberndorfer. Bei den anderen seien es nur kurze Begegnungen, in denen der Seelsorger Halt geben und eine stützende Struktur bieten könne.

Entzogene Würde

"Ich vollziehe einen Ritus am Sterbenden - er vollzieht ihn nicht mehr selbst", erzählte der Pfarrer. Damit würde dem Menschen Würde entzogen. Einer Frau hätte er etwas an Würde zurückgegeben, schilderte Oberndorfer eine Geschichte aus dem Alltag. Der Pfarrer bat die Sterbende, für ihn zu beten. "Ich glaube, das hat der menschlichen Würde entsprochen."

Wichtig sei die Lebensqualität des Patienten, über die ein anderer urteilt, wenn er es selbst nicht mehr kann, so Sonja Rinofner-Kreidl, Leiterin des Instituts für Philosophie. Dabei stelle sich die Frage, wer berechtigt sei, über andere Menschen zu urteilen. "In solchen Fällen ist man aber einfach auf Fremdbeurteilungen angewiesen." Die Medizin führe einen Kampf gegen das Leiden und nicht den Tod.

Bilder des Todes

Von der dunklen Macht und dem grausamen Vernichter - von den unterschiedlichen Bildern des Todes sprach Walter Pieringer, Vorstand der Uni-Klinik für Medizinische Psychologie. Das eigene Bild des Todes hätte Auswirkungen auf das Leben. Für Pieringer stellte sich die Frage, wie weit man das Todesbild, das man in sich trägt, erkennen könne. Die naturwissenschaftliche Medizin definiere Krankheit als Störung, die sie zu reparieren versuche und den Tod als maximale Störung zu verhindern sucht, so Pieringer: "Die humanwissenschaftliche Medizin wiederum erkennt Krankheit als Versuch, eine Störung zu beheben."

"Tragisch ist, dass unsere Zeit gelernt hat, den Tod zu verdrängen", so Karl Harnoncourt, Obmann des Hospizvereins Steiermark. "Gesundheit bedeutet nicht Freiheit von Krankheit, sondern körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden". Dem Betroffenen werde heute die Akzeptanz des Todes verwehrt. Die weit entwickelte Medizin hätte den Menschen die Verantwortung abgenommen. Durch die Zersplittung der Großfamilie sei das soziale Lernen verloren gegangen, so Harnoncourt. Früher hätten Kinder schon früh gesehen, wie in der Familie mit dem Tod umgegangen werde. (APA)

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