Mindestens 60 Verletzte bei neuen Ausschreitungen

24. März 2006, 10:15
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Villepin zeigt sich erstmals gesprächsbereit - Studentenvertreter zurückhaltend - 420 Verhaftungen

Paris - Bei den anhaltenden Protesten gegen die umstrittene Arbeitsmarktreform in Frankreich sind am Donnerstagabend laut Polizei mindestens 60 Menschen verletzt worden. Dabei handle es sich um 27 Polizisten und 33 Demonstranten, hieß es. Die Jugendlichen hätten Polizisten mit Betonteilen beworfen, woraufhin die Polizei Tränengas eingesetzt habe. Auch in anderen französischen Städten kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen. Landesweit wurden laut Polizei 420 Demonstranten festgenommen.

In Grenoble wurde ein Beamter verletzt. In Marseille kam es nach einem Protestzug von 5.000 bis 10.000 Studenten zu Zusammenstößen zwischen Polizisten und rund 100 Jugendlichen.

Villepin gesprächsbereit

Bedrängt von neuen landesweiten Schüler- und Studentenprotesten hat der französische Premierminister Dominique de Villepin am Donnerstag den Tarifparteien erstmals Gespräche über seine umstrittene Arbeitsrechtsreform angeboten. Auch der Minister für Sozialen Zusammenhalt, Jean-Louis Borloo, stehe bereit, schrieb Villepin an die Sozialpartner. Er lud außerdem die Studentenverbände für die kommende Woche in seinen Amtssitz Matignon ein.

Ein klares Angebot, die Reform zurückzunehmen, machte Villepin jedoch nicht. Die fünf größten Gewerkschaften zeigten sich zwar bereit, Villepin zu treffen, wollen aber vor einer Rücknahme der umstrittenen Reform nicht mit ihm verhandeln. Studentenführer Bruno Julliard wies das Gesprächsangebot zurück. Zuerste müsse Villepins Erstanstellungsvertrag zurückgezogen werden.

Rücknahme gefordert

Die gemäßigte Gewerkschaft CFDT forderte die Rücknahme der Maßnahme, um Ruhe einkehren zu lassen und Verhandlungen aufnehmen zu können. CFDT-Chef François Chérèque sagte, er könne sich angesichts der um sich greifenden Gewalt und der Angst der Jugendlichen und ihrer Familien um ihre Zukunft nicht vorstellen, dass Premierminister Dominique de Villepin keine "Geste" machen werde.

Aus Unternehmerkreisen hieß es unterdessen, Villepin werde nach seinem für Freitag vorgesehenen Treffen mit den Gewerkschaften um 18.00 Uhr auch mit Vertretern der Arbeitgeber sprechen. Gemäß dem Erstanstellungsvertrag können Berufsanfänger in den ersten beiden Jahren ihrer Tätigkeit jederzeit ohne Nennung von Gründen gekündigt werden.

"Totale Kraftprobe"

Mit dem erneuten Demonstrationstag suchten Zehntausende von Studenten und Schülern die "totale Kraftprobe" mit Villepin. Drei Viertel der Universitäten sowie Hunderte von Schulen wurden weiter blockiert oder bestreikt. Solche Proteste habe es "seit Mai 1968 nicht mehr gegeben", sagte der Präsident der Hochschulkonferenz, Yannick Vallée. Die Universitätspräsidenten wollen aus Sorge um die Sicherheit an den Hochschulen mit Präsident Jacques Chirac sprechen.

Angesichts zunehmender Ausschreitungen hatte die Polizei für die Kundgebung in Paris 3000 Beamte mobilisiert. Die Proteste richten sich gegen eine in der Reform vorgesehene zweijährige Probezeit für junge Arbeitnehmer, denen ohne Begründung gekündigt werden kann.

In Tours unterbrachen 600 Schüler mit Gleisbesetzungen den Zugverkehr. In Marseille kam es am Rande einer Schülerkundgebung zu einer Straßenschlacht zwischen Polizisten und Vermummten, die nicht zur Demonstration gehörten. Mit Tränengas ging die Polizei in Rennes erneut gegen Hunderte von Krawallmachern vor. Bei dem vorherigen Protesttag am 16. März waren insgesamt eine viertel bis eine halbe Million Schüler und Studenten auf die Straße gegangen.

Am Dienstagabend noch hatte Villepin jede "Kapitulation vor den Gewerkschaften" abgelehnt. Sein Konfrontationskurs stößt aber auch im Regierungslager auf Kritik, weil negative Folgen für die Wahlen im kommenden Jahr befürchtet werden. "Wenn sich nichts bewegt, wird der Premierminister fliegen", sagte ein Mitglied der Regierung anonym der Zeitung "Le Parisien" (Donnerstag-Ausgabe). Als mögliche Nachfolgerin wird bereits Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie gehandelt.

Der Senator Gérard Longuet der Regierungspartei UMP sah für Villepin "die Woche aller Gefahren" angebrochen. Der Premierminister werde die für kommenden Dienstag angekündigten landesweiten Streiks und die zwei Tage darauf folgende Entscheidung des Verfassungsrates zu der Reform abwarten, um seinen endgültigen Kurs festzulegen. (APA/dpa/AP)

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    Brennende Autos beim Invalidendom

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