Logo-Therapie

30. August 2006, 10:44
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Die österreichische Grafikdesignerin Martha Stutteregger entwarf das grafische Erscheinungsbild der documenta 12

Vor allem ihr Logo sorgt für Abwechslung im Zeichenwald.

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Nein, die Stricherln zählen nicht die georderten Biere am Stammtisch - auch nicht den Stand der Dinge in der Gefängniszelle oder die gespielten Partien der Zockerrunde. Die lässig hingefetzte Stricherlliste ist Teil des Logos der documenta 12, des Walhalla der internationalen Kunstszene im kommenden Jahr. Und sie entspringt der Handschrift ihres künstlerischen Leiters, Roger M. Buergel. Weiterverarbeitet hat die kleine Strichparade die 1970 in Oberösterreich geborene Martha Stutteregger, die sich durch die Gestaltung von Erscheinungsbildern, Büchern und Printmedien im Kunst- und Kulturbetrieb im EU-Raum einen Namen machte.

Acht der zwölf Striche sind - wie es sich für diese Zählmanier gehört - in zwei Gruppen zu je vier Strichen durchgestrichen. Zusammen stellen sie ein lässiges handschriftliches Logo-Element dar, das sich Roger M. Buergel gewünscht hatte, ehe ihm Stutteregger gut drei Monate später ihr Werk präsentierte. Vor allem ein bildhafter Charakter sollte zur Wirkung kommen.

Assoziationsketten

Das Bild der Stricherlliste weckt Assoziationen, spielt mit Struktur und Autorenschaft, bleibt aber trotz Buergels Handschrift anonym, zählen die einfachen Zeichen lediglich die zwölfte Ausgabe der documenta und lassen dabei kaum grafologische Rückschlüsse auf deren Chef zu. "Das Briefing zum Erscheinungsbild war vergleichsweise simpel: Buergel überließ mir einige handschriftliche Proben, verschiedenste Schreibweisen des Namens, der bisher gebräuchlichen Abkürzungen sowie der Zahl. Die Zählstriche verhalten sich zum Text wie eine Signatur: Dies führt auch bewusst zu einer künstlerischen Inbesitzname des Prozesses documenta", wie es Stutteregger in einem Statement zu ihrer Arbeit formuliert. Diese soll ein ganzes Konzept visualisieren und zu diesem Vertrauen kreieren. Am Rande erwähnt: Die documenta 12 will sich an den Leitmotiven "Ist die Moderne unsere Antike?", "Was ist das bloße Leben?" und "Was tun?" orientieren.

Stuttereggers Arbeit - "als Gestaltung für einen kulturellen, zeitlich eingegrenzten Handlungsraum anstelle eines kommerziellen Markenbildes", wie die Absolventin der Universität für angewandte Kunst ausführt - bleibt am Boden, ist sympathisch ungekünstelt. Keiner eigenständigen Schrift oder Sprache zugehörig, bleibt die Gruppe aus Strichen Teil einer für jedermann verständlichen und gebräuchlichen Zeichensymbolik. Die blaue Farbe lässt dabei an eine Füllfeder denken und schafft Kontrast zum Schriftteil.

Schrifttype "Akkurat"

Als Schrifttype für das Erscheinungsbild der documenta 12 kommt die von dem in den Niederlanden lebenden Designer Laurenz Brunner entworfene "Akkurat" zum Einsatz, die beim Schweizer Label "Lineto" erschienen ist. "Der Entwurf geht", so Stutteregger, "auf die Tradition pragmatischer schweizerischer Gestaltung, also simpler Formgebung mit dem Anspruch auf formale Präzision und hohe Lesbarkeit, zurück."

Ob es sie nicht gereizt hätte, gleich auch die ganze Schriftpartie zum Großevent in Kassel zu erfinden, schließlich hat Stutteregger bereits zwei eigene Schriften in ihrem Potpourri. "Es wäre schon eine große Herausforderung gewesen, aber es war mir wichtig, mit einem fremden Entwurf zu arbeiten, da dieser meiner Meinung nach mehr Impulse zulässt", meint Stutteregger. Um die Gestaltung von Logos reißt sich die Gestalterin in der Regel nicht primär, "auch weil sie mitunter stark polarisieren", meint sie naserümpfend. Am liebsten kümmert sie sich ums gesamte Corporate Design, "da kommt alles, natürlich auch das Logo, zusammen, und ich kann mich mit einem ganzen Baukasten um die Dienste an einer Identität kümmern", beschreibt Stutteregger ihre Einstellung zum Job, den sie auch deshalb schätzt, weil er ihr "viel mehr Freiraum als etwa die Werbung lässt, in der alles so sehr von Umsatzzahlen geprägt ist."

Wunsch nach eigenen Beiträgen

Der Laie mag sich angesichts der Möglichkeiten zur Auswahl eines Schrifttypus, die heute jedem PC innewohnt, fragen, warum überhaupt noch Schriften erfunden werden. Stutteregger hat eine Antwort parat, die so präzise und bodenständig wie ihr documenta-Logo wirkt. "Es geht einfach um die Möglichkeit eines eigenen Beitrags, man könnte ja genauso fragen, warum Designer heutzutage noch immer Stühle entwerfen, schließlich gibt's ja auch davon mehr als genug."
(Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/24/03/2006)

  • Artikelbild
    foto: logo der documenta
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