Wildkatze riecht am besten

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  • Das Handwerkszeug des Wissenschafters wird bald auf freier Wildbahn erprobt und die Neoforscher pirschen durchs Geröll. Der Leopard lässt sich aber nicht blicken.
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    Das Handwerkszeug des Wissenschafters wird bald auf freier Wildbahn erprobt und die Neoforscher pirschen durchs Geröll. Der Leopard lässt sich aber nicht blicken.

Eine spannende Fahndung nach Großkatzen auf der Halbinsel Musandam in Oman verlief vorläufig erfolglos

Tessa hält vier oder fünf schwarze Kügelchen in der Hand. Es ist Ziegenscheiße. Man könne Ziegenscheiße durchaus essen, sagt Tessa, sie sei extrem phosphorhaltig. Die Mitglieder des Teams nicken betreten. Es handelt sich um Wissenschaft, im Grunde gibt es nichts zu lachen. Aber beim Abendessen bricht Bernard, der Franzose, doch in schallendes Gelächter aus: "Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich in meinem Alter auf der Arabischen Halbinsel nach Tierscheiße suchen würde!"

Die Biologin Tessa (47), Expeditionsführer Dominic (28) und der lokale Nachwuchsforscher Hadi (25) betreuen ein Team von zehn Freiwilligen auf der Halbinsel Musandam in Oman. Die Freiwilligen sind Touristen, die ihre Freizeit diesmal anders verbringen wollen: weder in einem Fünfsternhotel noch in einem Backpackerparadies, weder an einem Karibikstrand noch auf einer Almhütte, sondern als Teilnehmer einer wissenschaftlichen Expedition.

Betonung liegt auf Expedition

Der britische Veranstalter Biosphere Expeditions stellt von vornherein klar: "Wir machen keine Touren, keine Safaris, keine Studienreisen, sondern Expeditionen." In Oman die erste relevante Bestandsaufnahme des Wildlebens im Norden des Landes - auf der Suche nach dem Arabischen Leoparden. Einst schlich der Wüstenleopard durch die steinigen Wadis und über die kargen Ebenen des Berglands, auf der Pirsch nach seinen Beutetieren, der Arabischen Gazelle und dem Arabischen Tahr, einer seltenen Wildziegenart.

Leoparden meiden Siedlungsgebiete. Wenige Menschen stehen ihnen je gegenüber. Wer heute forscht, wo sie geblieben sind, fotografiert rätselhafte Pfotenabdrücke, sammelt Exkremente und beurteilt ihren Frischegrad. "Wildkatze riecht am besten", erklärt Dom, "besser gesagt, am wenigsten schlecht."

Ausgerüstet mit GPS-System und Kompass teilt sich das Team in Kleingruppen. Wer Touren von höherem Schwierigkeitsgrad mag, stellt seine Kletterkünste auf die Probe, die weniger Mutigen durchkämmen die Flächen. Für Notfälle sind alle mit SOS-Pfeifchen ausgestattet, dazu ein paar kleine Nachtraketen. Expeditionsführer Dom trägt ein grünes Hebelinstrument mit sich, zum Aussaugen von Schlangenbisswunden: "Das Ding ist eher von psychologischem Wert . . . - nun ja - . . . passt lieber auf, dass sich keiner überknöchelt!"

Der gemütliche Barney (65) bleibt untertags im Basishotel - er ist der Koch. Er durchstöbert die lokalen Märkte von Khasab, und am Abend brät er Fisch und richtet Salat an. "Ich bin in Pension. Was soll ich in Großbritannien tun? Auf meinem Hintern sitzen und warten? Worauf?"

Die letzte glaubhafte Leopardensichtung auf der Halbinsel Musandam fand vor fünf Jahren statt, mit den Beutetieren sieht es ebenfalls schlecht aus. Tahrziege sah man seit sieben Jahren keine mehr, die letzte arabische Gazelle wurde vor zehn Jahren nachgewiesen. Solch spärliche Faktenlage, meint Tessa, muss in einer extrem dünn besiedelten Region mit weitläufigem, von Menschen unberührtem Gebirge noch lange nichts heißen: "Aber auch wenn wir letztlich mit einem Zero Report zurückkommen, hat das wissenschaftliche Relevanz."

Exklave zwischen Vereinigten Arabischen Emiraten und Fjordlandschaft

Die Halbinsel Musandam ist die nördlichste Spitze des Sultanats Oman, eine Exklave, die südlich an die Vereinigten Arabischen Emirate grenzt und sich nördlich zu einer Fjordlandschaft zerfranst, daher auch die Bezeichnung "Norwegen Arabiens". Durch die Straße von Hormuz werden 90 Prozent des Golf-Öls verschifft, ein Viertel der Weltproduktion.

Doch trotz der strategischen Lage ist Musandam ein weißer Fleck auf der Landkarte, "nature conservation" war bisher ein Fremdwort, und deshalb sagte Dom am ersten Abend, als sich das Team in der Hauptstadt Khasab (30.000 Einwohner) um den Gemeinschaftstisch versammelt, Folgendes: "Ihr seid nicht nur conservation volunteers, sondern auch conservation pioneers!" Das Funkeln in seinen Augen zeugte von britischer Ironie, doch nach der Anreise aus dem 700 Kilometer entfernten Muscat waren die Leute so erschöpft, dass externe Aufwertung gut tat.

Im Übrigen hat Dom Recht: In den benachbarten Emiraten wird auf Expansion gesetzt, im Sultanat Oman ermöglicht indes eine behutsame und dennoch nicht "unarabische" Politik die Arbeit von Biosphere Expeditions. Dom weiß, die Kooperation der zahlenden Gäste ist ebenso Teil des Systems wie die professionelle geografische Vorbereitung: Die Forscher haben untersuchungswürdige Täler, Berge, Plateaus ausgewählt - eben dort, wo potenzielles Habitat für den Arabischen Leoparden besteht.

Morgens fährt das Team mit drei Land Rovers ins Landesinnere

Über zerklüftete Kalksteinhalden streifen die Pioniere, um nach ausführlicher theoretischer Einführung das Handwerkszeug des Wissenschafters in freier Wildbahn zu erproben. Und es macht Spaß - rasch unterscheidet man zwischen den Exkrementen von Ziege (runde Bemmerl), Fuchs (Marke Patronenhülsen) und Caracal-Luchs (Patronenhülsen aus einem brutaleren Krieg). Aber wo bleibt der Leopard? "Auf der Suche nach Wildtieren gilt eine goldene Regel", schmunzelt Tessa, "wenn du am Bergkamm bist, ist das Tier im Tal. Wenn du ins Tal absteigst, befindet es sich am Bergkamm. Noch Fragen?"

Bis zu 15 Kilometer täglich durch brütende Hitze, literweise Wasser im Rucksack: keine Expedition für jedermann. Aber trotz aller Strapazen schafft es Tessa, die Teammitglieder mit Begeisterung anzustecken. Angesichts eines trockenen Wasserlochs bringt sie mit knappen Worten das Wildleben der Region zum Entstehen.

Ja, und wo ist der Leopard? Wird die Expedition letztlich doch nur ein herausfordernder Trekkingurlaub? Nein, Hadi ist überzeugt, dass die Leopardenchancen weiterhin intakt sind. Er kommt aus der omanischen Südprovinz Dhofar, in der Kamerafallen die Anwesenheit des Arabischen Leoparden regelmäßig bestätigen. Konzentriert blickt er auf diesen oder jenen Punkt in der Steinwüste. Hadi beschäftigt sich seit Jahren vor Ort mit dem Thema, trotzdem sind ihm bisher nur dreimal Leoparden zu Gesicht gekommen.

Abends sitzt das Team im Hotel in Khasab

Und schlürft Barneys britische Bohnensuppe und füllt die Datenbögen aus: Vegetationsgrad, Vegetationsschäden durch Viehzucht, WW für wide wadi, NW für narrow wadi, R für ridge, WH für water-hole. Auf dem nächsten Blatt wird das Aufkommen von Vögeln, kleinen Säugetieren, Leguanen notiert. Grüppchen, die eigene Wege gegangen sind, breiten ihre Frischhaltebeutel mit den Fäkalien auf dem Tisch aus wie Schätze. Tessa lauscht aufmerksam jeder Kleinigkeit: "Es ist eine Detektivgeschichte." Die Frage nach der Sinnhaftigkeit beantwortet sie überzeugend: Die Regierung Omans hat die Studie mit in Auftrag gegeben, welche Schlüsse sie daraus ziehe, sei ihre Sache, für den Naturschutz bleibe zu hoffen, dass auf Tourismus gesetzt wird: "Kein Besucher will einen Ziegenpfad bestaunen, das Potenzial liegt im Wildleben, das es hier einst gab. Wer weiß, vielleicht gelingt es eines Tages, die zurückgedrängten Leoparden in ihrem ursprünglichen Habitat wieder anzusiedeln."

Bevor das Team in der zweiten Woche zur Feldarbeit übergeht - in potenzieller Leopardengegend wird ein Zeltlager errichtet - beschäftigt es sich mit der Kontaktpflege: Interviews mit Einheimischen. Unter den Gesprächspartnern gibt es die einen, die nichts sagen wollen: In ihren Augen hat es niemals Wildleben in der Region gegeben. Die anderen schaudern angesichts der Leichtsinnigkeit der Ausländer, die gar im Freien übernachten: Was für ein Risiko angesichts der wilden Füchse, die in der Nacht Stückchen aus den Gesichtern der Menschen fressen!

Anfang eines Bewusstseins-Bildungsprozesses

"Nur Aberglaube", sagt Tessa, und ihr Blick schweift über die kahle Landschaft, "der gehört dazu. Fest steht, wir befinden uns am Anfang eines Bewusstseinsbildungsprozesses. Ob er Erfolg haben wird, ist unsicher. Doch die Ergebnisse unseres Reports legen den Istzustand schriftlich fest" - soll heißen: Niemand kann je wieder sagen, dass Musandam kein Wildleben habe.

Nach zwei Wochen hat das Team Gipfel erklommen, ist per Motorboot ins erstaunliche Städtchen Kumzar geflitzt - die nördlichste und isolierteste, nur über Wasser und Luft erreichbare Ansiedlung Omans -, hat Wadis und Höhlen erforscht, hat sogar eine Kamerafalle errichtet.

Und irgendwann geschieht, worauf alle warten: Da ist eine Kratzspur im Sand, daneben eine Losung, die die Anwesenheit einer Großkatze nahe legt. Um die aufregende Nachricht zu bestätigen, muss das Exkrement analysiert werden, und bis das Ergebnis vorliegt, dauert es einige Monate: die Laborseite der Wissenschaft. Was die Kamerafalle betrifft, so zeigt das Videoband ausschließlich Ziegen. Barney, der Koch, hat indessen seine eigene Theorie entwickelt: "Den Leoparden gibt es irgendwo. Aber er traut sich nicht aus seinem Loch. Er ist sehr verschämt."

Informationen

Biosphere Expeditions betreibt durch die Zusammenarbeit von Forschern und Laien aktiven Naturschutz. Expeditionsbeiträge beginnen bei circa 1.500 Euro, mindestens zwei Drittel davon fließen ins Artenschutzprojekt. 2006/2007 sind zwei Plätze für die Oman-Expedition zu gewinnen: Omanwettbewerb.
(Der Standard/rondo/24/03/2006)

Von Martin Amanshauser
geb. 1968, Autor
"Alles klappt nie"
Roman, Deuticke 2005
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Neu: CD von Amanshauser & Wenzl "Auf der falschen Seite von Ikebukuro", 2006
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