Ein anderes Süppchen kochen

31. Juli 2006, 12:41
2 Postings

In seinem neuen Buch ist Wladimir Kaminer dem Gaumenkitzel des Totalitarismus auf der Spur - Im Interview mit Bert Rebhandl

Der Standard: Herr Kaminer, Sie haben mit Ihrer Frau gemeinsam ein Buch geschrieben, in dem die Sowjetunion kulinarisch noch einmal auflebt: Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus.

Kaminer: Das ist im Grunde genommen eine Parodie auf ein Kochbuch. Alle meine Bücher sind niemals das, was sie zu sein vorgeben. In diesem Buch wird ein ganz anderes Süppchen gekocht.

Der Standard Lassen Sie es uns aber doch einmal ernst nehmen.

Kaminer: Das sind alles sehr ernste Sachen. Es geht um das einzige Thema, das mich interessiert: den Zeitabschnitt zwischen 1989 und heute, in dem sehr viele Menschen ein zweites Leben begannen, auf Weltreisen gingen und an Orten landeten, von denen sie eigentlich keine Ahnung hatten. Das ist eine sehr gemischte Erfahrung.

Der Standard
: Die sich in der Küche niederschlägt.

Kaminer: Es gibt zahllose griechische, türkische oder italienische Lokale in allen Städten, aber kaum russische. Diese Küche, die ich eigentlich als sowjetische bezeichne, ist mir in sehr guter Erinnerung. Wir fahren immer wieder nach Moskau, auch in den Kaukasus, wo meine Schwiegermutter jetzt lebt. Dort wird auf hohem Niveau gegessen. Unsere Landsleute sind vielleicht zu faul, um russische Lokale im Ausland zu eröffnen, oder sie interessieren sich für eine andere Art von Geschäften.

Der Standard: Die russische Küche im Exil ist eine Privatangelegenheit?

Kaminer: Viele meiner Freunde waren Flüchtlinge vor all diesen kleinen Nationalkriegen in der auseinander fallenden Sowjetunion. Diese Leute sind eigentlich voreinander geflüchtet. Ich habe mit einem armenischen Freund und Kollegen immer vor dem Haus gegrillt. Jedes Stück Fleisch wurde aufwändig mariniert. Eines Tages sagte ein usbekisches Ehepaar: Nächstes Mal machen wir das. Der Armene hat eine Freundin aus Kasachstan kennen gelernt, und so ist mein sowjetischer Ansatz herangereift.

Der Standard: Ein demokratischer Ansatz.

Kaminer: Jeder hat zum Thema Essen etwas zu sagen. Mein Freund Yuriy Gurzhy, der Russendisko-DJ, fährt jedes Jahr in ein kleines Dorf, in dem die Zivilisation noch nicht angekommen ist. Katarina, die Freundin meiner Frau, ist aus Weißrussland. Aus allen diesen Erfahrungen und Traditionen entstand ein gemeinsames Projekt, bei dem ich Ruhm und Geld bekomme und alle anderen Spaß.

Der Standard: Es heißt, die russische Küche wäre exzessiv - "Singen und Hopsen statt Klopsen", heißt es im Buch.
Kaminer: Die russische Küche ist die einzige Küche auf der Welt, bei der die Speisen unwichtig sind. Es geht um Spaß, um Feiern. Es muss alles erlaubt sein, was zu Hause aus Sicherheitsgründen verboten ist.

Der Standard: Welcher Gang ist der wichtigste?

Kaminer: Die Vorspeisen. Alkohol spielt bei jeder Feier eine große Rolle, deswegen bilden scharfe, kleine, leckere Vorspeisen den Schwerpunkt. Die Desserts sind eher fade, weil es kaum einer bis dorthin schafft.

Der Standard: Ist die totalitäre Küche eine Küche für Arme?

Kaminer: Es ist eine kollektive Küche für Menschen, die gern feiern. Sie lohnt sich erst ab zehn Teilnehmern.

Der Standard: Das klingt alles nicht, als wäre es sehr gesund.

Kaminer: Russische Küche ist nicht kindersicher. Deutsche Küche ist kindersicher, aber dafür auch nicht besonders aufregend. Schon in der Sowjetunion hatten die Verkäuferinnen in den Läden immer eine negative Warenkunde. Sie sprachen ihre Empfehlungen so aus: Diese Wurst wurde gestern von einer Familie gekauft, der Sohn liegt heute im Krankenhaus.

Der Standard: Damals gab es aber auch Mangelwirtschaft.

Kaminer: Ananas gab es bei uns nicht! Die sozialistische Planwirtschaft war ein verrücktes System. Es war ein Lottospiel. Plötzlich gab es an einem Ort ganz viel von einem bestimmten Ding: besten holländischen Pfeifentabak. Als alle mit dem Pfeifenrauchen angefangen hatten, blieb der Nachschub aus. Es gab in den Geschäften so gut wie nichts, die Kühlschränke waren voll, und in den Restaurants konnte man die verrücktesten Sachen bekommen.

Der Standard: Können Sie Restaurants in Moskau empfehlen?

Kaminer: Panasiatisch ist groß in Mode, usbekisch-japanisch. Die einzige Lebensmittelvergiftung hatten wir aus Nostalgiegründen in St. Petersburg. Meine Frau hatte ein Café entdeckt, das sie von früher kannte. Es gab immer noch die gleichen Teigtaschen, die immer noch fast nichts kosteten. Die Reaktion auf die Teigtasche war allerdings dramatisch. Meine These ist natürlich, dass diese Teigtasche zwanzig Jahre auf meine Frau gewartet hatte.

Der Standard: Wie häufig isst die Familie Kaminer Kaviar?

Kaminer: Meine Frau isst keinen Kaviar. Sie ist auf Sachalin aufgewachsen, wo roter Kaviar kiloweise gelöffelt wurde. Meine Schwiegermutter lebt im Nordkaukasus, nahe dem Kaspischen Meer, dort gibt es Schwarzmärkte, auf denen es preiswerten schwarzen Kaviar gibt. Wenn sie nach Berlin kommt, muss ich immer eine Dose allein aufessen - das sind dann zwei kalorienreiche Wochen.

Der Standard: Wodka hilft immer.

Kaminer: Ich habe so viele anstrengende Tätigkeiten. Beim Wodka ist es sehr schwer, die Bremse zu ziehen. Wenn ich als DJ anfange, Wodka zu trinken, dann werde ich diese Veranstaltung nie zu Ende bringen.

Der Standard: Deswegen trinken Sie heute Cognac.

Kaminer: Das hat mit der Grundschule zu tun, in die unsere Kinder gehen. Da grassiert eine Magen- und Darmgrippe, von der nur dicke Menschen verschont bleiben.
(Der Standard/rondo/24/03/2006)

Share if you care.