Zeitumstellung

26. März 2006, 17:00
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Endlich, es wurde aber auch Zeit - Oder: Widernatürliche Zeitverschiebungen, die monatelange Umrechnereien mit sich bringen

+++Pro
Von Sigi Lützow

Endlich, es wurde aber auch Zeit! Es ist ja schließlich kein Zustand, immer eine Stunde zu früh bei Terminen zu erscheinen, eine Stunde zu früh in der Arbeit, eine Stunde zu früh beim Zahnarzt, eine Stunde zu früh bei Freunden (die einen danach nie wieder einladen - ja Freunde waren), immer eine Stunde zu früh! Jetzt wird sie also wieder umgestellt, die Zeit. Die Uhr wird wieder stimmen, an der Hand, am Badezimmerradio, am Handy, im Auto, im Kopf!

Der Zeitumstellungsfeind wird unweigerlich zum Zeitumstellungsfreund. Wann wird endlich wieder umgestellt, hat er sich gefragt, seit Oktober, seit jener überlangen Nacht, als plötzlich nichts mehr stimmte, hat er sich das gefragt. Mit Wonne lässt er sich jetzt diese eine Stunde nehmen, mit Wonne schläft er diese eine Stunde weniger, mit Wonne reißt er sein Kind um diese eine Stunde früher aus dem Bett, ja mit grimmigem Vergnügen. Er wird wieder pünktlich sein, vielleicht sogar wieder einmal lässig zu spät: in der Arbeit, beim Zahnarzt, bei dankbaren Freunden. Die Zeitumstellung ist da. Ein Triumph, aus der Niederlage der Zeitumstellung geboren. Den lass ich mir nicht nehmen.

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Contra---
Von Ute Woltron

Warum sollte es im Sommer schon vier sein, wenn es erst drei ist? Warum sollte man im Sommer um fünf aufstehen, wenn es schon sechs ist? Weil Sommerzeit ist und weil angebliche Energieeinsparungen getätigt werden können: widernatürliche Zeitverschiebungen, die monatelange Umrechnereien mit sich bringen. Wenn es hier zu Lande zwei ist, also eigentlich eins, wie spät ist es dann in New York? Schwierig. Sechs plus eins zurück oder doch nur sechs oder vielleicht fünf? Ist es Morgen, geht die Sonne später auf. Ist es Abend, bleibt sie länger am Himmel.

Wozu eigentlich? Wer braucht um halb elf in der Nacht noch Tageslicht? Die Sommerzeit war eines der ersten Symptome der angeblich wirtschaftsbefördernden Genmanipulationen des Globus. Die Zeit passt nicht zum optimierten Arbeitsrhythmus? Lasst sie uns ändern. Die Paradeiser schrumpfen zu schnell? Lasst uns langlebigere hartschalige Hybride züchten. Die Lohnnebenkosten sind zu hoch? Lasst uns die billigeren Regionen dieses Globus ausbeuten. Die Bäche fließen zu wild? Lasst sie uns in Kanäle sperren. Ich pfeife auf die Sommerzeit und stehe trotz ihrer mit den Hühnern auf. Sie wissen am besten, wie spät es tatsächlich ist.
(Der Standard/rondo/24/03/2006)

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