Ein Blick auf das Wiener Kulturleben

23. März 2006, 17:30
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Das Mozartjahr ist die Krankheit, für deren Therapie es sich hält

Heute wieder einen Blick auf das Wiener Kulturleben. Ich hab mich schon prima mit dem Mozartjahr arrangiert. Die Firma Anker hat das Mozart-Croissant auf den Markt geworfen, in dessen Bauch vor dem Backen eine Mozartkugel geschoben wird, die dann herrlich schmilzt. Ich rätsle noch, ob es eine Original-Mozartkugel der Firma Mirabell ist oder eine Echte Mozartkugel, die beim Hofer verschleudert wird, aber das Ergebnis überzeugt wie die Ouvertüre von Don Giovanni. Letzteres ist die Überwindung der Schwerkraft, die nur Sinn macht, wenn sie von Ersterer provoziert wird, also wenn sich durch exzessiven Genuss von Mozartkugeln Schwerkraft einstellt. Kurzum: Das Mozartjahr ist die Krankheit, für deren Therapie es sich hält.

Umso wunderbarer die Montgolfiere von Herrn Pinter in der Albertina und das Da-Ponte-Institut für Don-Juanismus und Libretto-Forschung. Endlich kümmert sich jemand um Don-Juanismus - um die Angst vor Bindungen, welche erst die Überwindung der Schwerkraft ermöglicht. Und Libretto-Forschung! Theaterstücke werden von den Germanisten gehätschelt, aber die Libretti führen ein Kellerdasein. Wir sind also zur Albertina-Eröffnung aufgebrochen, bei der Pinters Montgolfiere und Da Ponte sich vereinigten - natürlich ohne Einladungskarten. Die Frau Dr. R. und ich kamen immerhin bis zur Montgolfiere und zur Überwindung der Schwerkraft. Die Grazie selbst.

Doch was war das? Ein penetranter proletarischer Essensgeruch durchströmte die schönsten Räume Wiens - wie in einer Bundesheerkantine! Chili con Carne? Szegediner Gulasch? Wir saßen also vor der Therapie, und die Krankheit schlich durch unsere Nasenlöcher, und wir erkannten, dass wir Hunger hatten. Der Essensgeruch kam aus der VIP-Abteilung. Die Dame vor dem VIP-Bereich behauptete, dass sie Ärger kriege, wenn sie uns hineinließe, bitte, sie soll ihn haben. Sofort entlassen! Dr. R., die inkarnierte Überwindung der Schwerkraft auf Erden, schob die Dame lächelnd zur Seite, und dann saßen wir neben Kurti Waldheim und dem halben Opernballinventar und schoben uns die Mozart-Knödel und den Mozart-Zweigelt hinter die Kiemen, dass es eine barocke Pracht war. Eine tolle Ausstellung!
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/24/03/2006)

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