Zündstoff: Haneke gegen "Förderung der Provinzialität"

23. März 2006, 18:12
8 Postings

Schlagabtausch in der Filmszene - Helmut Grassers Ideen sorgen für Wirbel - Virgil Widrich, Michael Haneke und Wolfgang Murnberger im Gespräch

Graz - Nicht an Zündstoff fehlte es Mittwoch Nachmittag der ersten Diskussion einer vierteiligen Reihe bei der Diagonale in Graz - nach einem im "profil" veröffentlichten Arbeitspapier von Helmut Grasser (Präsident des Verbandes österreichischer Filmproduzenten, Produktionsfirma "Allegro"). Demnach sollten die Subventionsgeber jene Produzenten bevorzugt unterstützen, die im Inland die meisten Zuschauer erreichen. Zu diesen zählen etwa "Poppitz" oder "Hinterholz 8". Dies blieb von einem hochkarätig besetzten Podium bei der Diskussion zum Thema "Der österreichische Film und sein Markt" nicht unwidersprochen.

Erfolgsregisseur Michael Haneke ("Cache") konterte gleich zu Beginn der sehr gut besuchten Veranstaltung im Grazer Kunsthaus: "Wenn ich nicht die Chance gehabt hätte, auch schlechte Filme zu machen, wäre es nie im Leben zu erfolgreichen Produktionen gekommen." Man solle den Lernprozess nicht außer Acht lassen, eine gezielte Förderung der nur in Österreich erfolgreichen Filme führe mit der Zeit zu einer "Förderung der Provinzialität". Haneke gab zu, sich auch gerne Komödien anzusehen - "Ich gehe ja auch nicht in den Keller lachen" - jedoch müsse auf dem Markt genug Platz für verschiedenes Publikum bleiben.

Grasser will anderes Verhältnis der Fördervergabe

Dass Grasser mit seinen Ideen gegen das Interesse seiner eigenen Kollegen arbeite, betonte Virgil Widrich (Verband österreichischer Regisseure). Grasser versuchte klar zu stellen, dass "das Papier" für interne Diskussionen vorgesehen war und nie in diesem Wortlaut und Inhalt an Entscheidungsträger weiter gereicht wurde. "Ich habe nie gefordert, dass jemand keine Förderung bekommt." Es solle lediglich ein anderes Verhältnis der Fördervergabe geschaffen werden. So sehe er eine Möglichkeit darin, mit 75 Prozent jene Filme zu fördern, die "nachweislich eine Mindestbesucherzahl vorweisen können, die etwa um 20.000 liegen sollte". 25 Prozent könne man dann für "künstlerische Filme" ausgeben.

Was ihn an der derzeitigen Situation störe, sei, dass "permanente Misserfolge keine Konsequenz nach sich ziehen", so Grasser. Die Rolle des Publikums war ebenso umstritten. Wolfgang Murnberger ("Komm, süßer Tod"), gehe vor allem die "Tristesse im österreichischen Film auf die Nerven". Er selbst denke bei seinen Produktionen gern ans Publikum, für das er seine Filme schlussendlich ja auch produziere.

Französischer Markt

Ganz anders stellt sich die Situation am französischen Markt dar: Produzentin Margaret Menegoz (Films du Losagne) lobte einen Eigenanteil von 39 Prozent in Frankreichs Kinos. Im Unterschied zu Österreich gebe es eine sehr starke Verleihförderung, der Weltmarkt sei für Erfolge unverzichtbar. Die Teilnahme kleiner Filme an wichtigen Festivals sei die einzige Chance, die Produktionen über die Grenzen hinaus zu verkaufen. Die französische Filmförderung beruhe auf gänzlich anderen Modellen, nämlich auf dem eigenen Erfolg. Je mehr Erfolg ein Film habe, desto weniger Förderung bekomme er, da die Einspielergebnisse reichen würden.

Einigen konnte man sich darauf, dass es immer noch zu wenig Geld seitens des Staates gebe, wo gleichzeitig der Anteil an österreichischen Filmen von 20 auf 30 jährlich gestiegen sei. Der Druck, aus finanziellen Gründen vorzeitig in Produktion zu gehen, sei langfristig kein Weg, Erfolge zu erzielen. (APA)

Die nächste Diskussion "Der österreichische Film und der ORF" findet Donnerstag (23.3.) um 14 Uhr im Space 04 des Kunsthauses Graz statt.
Share if you care.