Kommentar: Flackernder Theaterstern

23. März 2006, 14:25
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Was besonders schmerzt, ist die Degradierung der zweitgrößten Portalbühne Wiens zum Pokereinsatz in einem fruchtlosen Spiel - Von Ronald Pohl

Es begann mit dem Aufstecken eines fetten, roten Sterns am Dach des Wiener Volkstheaters. Der frisch gebackene Direktor Michael Schottenberg versprach 2005 die Radikalisierung eines Theaterangebots, das die Nöte der Stadtbevölkerung geistesgegenwärtig aufgreifen und sie in leichte, freche Bühnenproduktionen ummünzen sollte. Nun, ein paar veritable Flops später, beginnt ein Gerangel um Gelder, das, bei allerungünstigstem Streitverlauf, das Haus am Weghuberpark in einen gähnenden Abgrund reißen könnte.

Längst überdecken die Ausläufer einer nagenden Identitätskrise die vergleichsweise akademische Frage, wer denn nun in welchem Gestaltungszeitraum welche Volkstheater-Verbindlichkeiten angehäuft habe. Die Gründe für den drohenden GAU reichen tiefer: Anstatt die Röte des aufgesteckten Sterns zu beglaubigen, wurden in aller Eile und mit beträchtlicher Unschärfe Gesinnungszeugnisse gegen den nationalsozialistischen Ungeist produziert. Anstatt etwa im Ensemble vorhandene Ressourcen zu nutzen, wurden personelle Eigenwilligkeiten mit vergleichsweise horrenden Abfertigungskosten teuer erkauft.

Was aber besonders schmerzt, ist die Degradierung der zweitgrößten Portalbühne Wiens zum Pokereinsatz in einem fruchtlosen Spiel: Während manche Produktionen im freien Verkauf nur schwach nachgefragt werden, will die Stadt Wien den Bund zur Subventionserhöhung zwingen. Fahrlässig gespielt wird vorderhand mit dem Leumund einer Langzeitdirektorin, deren künstlerisches Wirken bisweilen zaghaft, deren Wirtschaften aber - bis zum etwaigen Beweis des Gegenteils - untadelig war.

Der rote Stern kann mit oder ohne Michael Schottenberg sinken. Er wäre dann eine Sternschnuppe geblieben. Darunter aber versänke ein ganzes, kostbares Haus. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.03.2006)

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