Der Fimmel mit dem Fummeln

30. März 2006, 18:12
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Angeblich "obszön": Deutschlands Theater

Schenkt man Autor Joachim Lottmann, der sich jüngst für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel als kritisch unbedarfter Theatergeher versuchte, einigen Glauben – man müsste die ehemals so stolze deutsche Bühnenlandschaft zwischen Kiel und Passau zur sodomitischen Nahkampfzone erklären, zum Sperrbezirk einer hemmungslos geübten Amoralität.

Lottmann, der zum Zwecke der Schadenserkundung im Düsseldorfer Schauspiel Jürgen Goschs aktueller Macbeth- Inszenierung beiwohnte (sie läuft ab 26. Mai übrigens bei den Wiener Festwochen), fühlte sich von Erbrochenem und Gepinkeltem fäkalordinär anagitiert. Es würde auf offener Bühne gefurzt und geschissen, erzählt Lottmann.

Man glaubt sich als geneigter Leser dieses hochkomischen Erlebnisaufsatzes auf einen Kriegsschauplatz versetzt: "Im Publikum ist nun echtes Unbehagen ... Einer Schülerin ist schlecht, sie will raus. Auch andere wollen raus, trotz der gnadenlosen Scheinwerfer."

Der tapfer ausharrende Lottmann gelangt nach weiteren Theaterbesuchen in Frankfurt und Hamburg zu beinah gleich lautenden Befunden. Im Grunde müsste sich der UNO-Sicherheitsrat nach Lektüre dieser alarmierenden Prosa zum Eingreifen veranlasst fühlen: Das klassische Stadttheater, ehemals unverzichtbarer Leuchtturm im schiefergrauen Städtemeer, ist heimlich, still und leise zum Enddarm einer moralischen Wegwerfgesellschaft mutiert.

Dichtung und Wahrheit

Nur: Ist es so? Was als latentes Unbehagen am so genannten "Regietheater" begann, hat nun auch die liberalen Ausläufer der Meinungsproduktion erreicht. Seit ein grobianischer Schauspieler FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier bei laufender Aufführung den geliebten Spiralblock aus den Händen gerissen hat, wird den in grauer Autonomie vor sich hinwerkelnden Schauspielbühnen im Brustton der Empörung der Prozess gemacht. Plötzlich sehen Beobachter nur noch Pimmel, die auf offener Bühne massiert werden, bemerken sie Winde, die ungestraft in den Schnürboden entweichen. Blut, Schweiß und Hoden: Was an den Einsprüchen sporadischer Theatergeher zumindest erstaunt, ist, dass ihren Einlassungen jeglicher ästhetischer Bezugrahmen fehlt. Selbst ein vernunftgeleiteter Habermas- Schüler wie Thomas Assheuer (Die Zeit) kennt seine Pappenheimer in den Bühnenbunkern ("Schädelstätten der Perversion!") überwiegend vom Hörensagen. Immerhin konzediert er "ein Bedrohungsgefühl, eine symptomatische Furcht" aufseiten der Protestierer.

In der Tat sind es die allerlei Bedrohungen ausgesetzten bürgerlichen Funktionseliten, die sich von Regie-Torheiten zuinnerst angegriffen fühlen. Die ökonomisch angekränkelte Autonomie der Bühnen hat ein Wettbewerbssystem etabliert. In diesem schlägt sich die Symbolisierung eigener Wichtigkeit als Zwang zur Überbietung nieder.

Gefräßige Branche

Tatsächlich sind es Regisseurs-, seltener Regisseurinnennamen, die im atemlosen Kreisverkehr die immer selben Bühnen abklappern und den Theateralltag mit unbedingt "kritischen" Klassikerlesarten zu versüßen meinen. Anstatt sich jenes Maß an Versenkung zu gestatten, das vertiefte Erkenntnisse erst ermöglicht, werden die Glückskinder einer gefräßigen Branche zum Ausstellen ihrer immer gleichen Inszenierungsmerkmale hemmungslos angetrieben: morgen Augsburg – übermorgen die ganze Welt!

Während das reale Busen- und Po-Aufkommen hinter den verbreiteten Tatarenmeldungen doch einigermaßen hinterherhinkt, arbeiten einander Traditionsbewahrer und Stückezertrümmerer schamlos in die Hände: Schon die Zerstörung des Leumunds ist dazu angetan, möglichen Theaterinteressenten den Besuch "ihrer" Häuser zu verleiden. Auch wenn sie die Regisseure Michael Thalheimer, Jürgen Gosch oder Armin Petras gar nicht kennen.

Noch hinken die einschlägigen Suchergebnisse in Wien und Umgebung nach: Doch um eine inhaltliche Selbstbesinnung, wie es im Lichte einer bedrohlichen Auszehrung der schönen Bühnenkünste weitergehen soll, kommen auch die hochmögendsten Reformer und Politiker nicht mehr herum. Auch wenn die "schamlosesten" Auswüchse des Blut- und Spermakults uns bis dato noch gar nicht erreicht haben. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 23.03.2006)

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