Staatsanwalt als Freier: "Callgirl-Verfahren" eingestellt

24. März 2006, 10:25
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Kein Fall von Bestechung, sagt Justiz - Zumindest ließ sich nicht nachweisen - Vorwurf des "Sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen bleibt

Wien – War unter den Männern, für die ein Wiener Rechtsanwalt im Juli 2004 Prostituierte buchte und in ein bekanntes Stundenhotel bestellte, auch ein Staatsanwalt? Nein, sagt die Justiz. Zumindest ließ sich nicht nachweisen, das ein Ankläger bestochen worden ist – und damit wurde nun das erste Verfahren rund um die "Callgirl-Affäre" eingestellt.

Minderjährige für Sex vermittelt

Zur Erinnerung: Im Spätsommer 2005 war bekannt geworden, das ein Wiener Escort-Service auch Minderjährige für Sex vermittelt hatte. Verurteilt wurden bei einem Prozess am Landesgericht Korneuburg aber nur zwei Zuhälter – die teils prominenten Kunden, die in manchen Fällen ausdrücklich junge Prostituierte bestellt hatten, gingen straffrei aus.

Besonders pikant: Nicht nur Anwälte, PR-Manager und Geschäftsleute sollen bei der Begleitagentur gebucht haben. In einem abgehörten Telefongespräch eines der Zuhälter freute sich der Mann über den guten Geschäftsgang, "weil die Anwälte und Staatsanwälte heute ficken." Einen Tag zuvor hatte ein Anwalt drei Prostituierte bestellt.

"Rigides Durchgreifen"

Die Vorstellung, ein Anwalt habe einem Ankläger eine Prostituierte "spendiert" alarmierte die Justiz. "Rigides Durchgreifen" kündigte Justizministerin Karin Gastinger im Spätsommer 2005 an. Und ersuchte die vorgesetzte Oberstaatsanwaltschaft Wien, neue Ermittlungen zu starten, ob "Geschenkannahme durch Beamte" vorliegt. Also herauszufinden, wer der Staatsanwalt war und ob er sich bestechen ließ.

Reine Angeberei

Eine Suche, die jetzt ergebnislos endete. Denn die Verdächtigen beteuerten, es sei gar kein Staatsanwalt im Spiel gewesen. Laut Zuhälter habe der Wiener Anwalt die jungen, aber angeblich erwachsenen, Frauen aus Litauen nur für sich, einen Freund und einen Fernsehmoderator "bestellt." Dass er, der Zuhälter, in dem abgehörten Telefonat von "Staatsanwälten" gesprochen habe sei reine Angeberei gewesen, er wollte damit seinen Gesprächspartner aus dem Milieu beeindrucken.

Auch der Rechtsanwalt bestritt bei der Vernehmung jede Bestechung, eine Überprüfung seiner Prozesse im fraglichen Zeitraum ergab laut Justizministerium keine Auffälligkeiten. Am 8. März wurde das Verfahren wegen Bestechung daher eingestellt – "die Suppe war einfach zu dünn", bedauert Christoph Pöchinger, Pressesprecher der Justizministerin.

Vorwurf des "Sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen"

Abgeschlossen ist die Causa damit aber noch nicht, betont Pöchinger. Denn noch immer steht der Vorwurf des "Sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen" durch die honorigen Escort-Kunden im Raum – Strafrahmen bis zu drei Jahren. In den kommenden Wochen erwartet Pöchinger den Vorhabensbericht der Korneuburger Staatsanwaltschaft, ob und wie gegen sechs namentliche Bekannte weiter vorgegangen wird. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 23.3.2006)

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