Chester Himes' "Die Geldmacher von Harlem"

22. März 2006, 16:21
posten

Protagonist Jackson stolpert zwischen Kugeln über die Leichen, bis hin zu der seines Bruders

Geld macht dumm: Ganoven versprechen dem einfältigen Jackson, fünfzehnhundert Mäuse in fünfzehn Riesen zu verwandeln – und zwar mit einem Zauberpulver im Herd von Jacksons Wirtin, der natürlich während des Experiments explodiert. Jackson ist so dumm wie viele Menschen, die auf kriminelle Geldmacher reinfallen. Jackson ist sogar dümmer – Liebe macht ihn auch noch blind. Mit dem gescheiterten Experiment beginnt die Jagd durch Harlem. Denn Jackson hat das eigentlich zu vermehrende Geld seinem Chef, einem Leichenbestatter, gestohlen. "A Rage in Harlem" hieß der Krimi, als er 1957 im Original erschien.

Das passt zu der wilden, verwegenen Hetze, die nun losgaloppiert. Tollwütig rast die Handlung. Betrug, Spielhöllen, Bordelle, Mord und Totschlag fügen sich in den kurzen, knappen Sätzen aneinander. Jackson stolpert zwischen Kugeln über die Leichen, bis hin zu der seines Bruders. Als habe er Steve McQueens Autojagd durch San Francisco vorhergesehen, drückt Jackson im gestohlenen Leichenwagen aufs Gas. Kein Bus, kein Mensch, kein Gemüsewagen kann ihn aufhalten. Einzig eine Grenze hält ihn wirksam auf: die Mauer zwischen dem schwarzen Harlem und der weißen East Side Manhattans. Da dreht er in Panik um, und dieser Augenblick, in dem Jackson aus dem Chaos der Schwarzen in die geordnete Welt der Weißen kommt, lässt den Leser das Absurde des Gettos als wahr annehmen, da die weiße Wirklichkeit noch absurder erscheint. Himes, der in den Fünfzigerjahren wie sein Schriftstellerkollege Richard Wright als Schwarzer ins literarische "Exil" nach Paris zog, hat mit den Harlem-Storys ein eigenes Genre der "série noire" geschaffen. Das Leben in Harlem beschreibt er anders, aber ähnlich intensiv wie Raymond Chandler Los Angeles. Die überbordenden Auswürfe seiner Fantasie scheinen absurd, die knappen Sätze spiegeln Wirklichkeit vor.

Und darin liegt ja die Kunst, von der sich Leser manchmal täuschen lassen: Die Wirklichkeit ist absurd, nicht ihre Darstellung. Bei Himes kehrt der Leser zum Schluss erleichtert in seine eigene, geordnete Welt zurück. Die Leichen liegen in ihren Särgen, Jackson wird vom Leichenbestatter wieder eingestellt, und Imabelle presst, nachdem alle anderen Liebhaber gestorben sind, ihre Lippen gegen sei-‑ nen Mund, so dass nicht nur für Jackson "alles wieder gut" ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.03.2006)

Von Ulrich Wickert
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche kriminalbibliothek
Share if you care.