Pressestimmen: Ein unangenehmer Fall für den Westen

25. März 2006, 10:34
14 Postings

FAZ: "Auch im 'neuen' Afghanistan wagt sich niemand daran, solche Vorschriften zu mildern"

Rom - Der Fall des zum Christentum übergetretenen Abdul Rahman, dem in Afghanistan die Todesstrafe droht, beschäftigt am Mittwoch die europäische Presse:

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Wenn es nur unser Problem wäre, das Leben des konvertierten Afghanen Abdul Rahman zu retten, dann müssten wir die diplomatischen Initiativen von Außenminister Fini, seinem deutschen Kollegen Steinmeier und des amerikanischen Außenministeriums loben. Und dann würde auch die vom italienischen Ex-Präsidenten Cossiga ausgesprochene Drohung Sinn haben, 'jetzt und sofort' die italienischen Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Aber falls es hingegen das Problem wäre, Millionen von Abdul Rahmans das Leben zu retten, die sich nicht nur in islamischen Ländern, sondern im Inneren unseres Westens befinden, dann wäre das derzeitige Verhalten der westlichen Regierungen als verräterisch einzustufen, denn dann würde es nur dazu benützt, diesen einzigen Fall zu den Akten zu legen."

"Frankfurter Rundschau":

"Allen schönen Worten auf Geberkonferenzen zum Trotz zeigt sich also am Fall Rahman: Ein Krieg - so begrüßenswert auch ist, dass er das Taliban-Regime beseitigte - kann die Brüche in einer Gesellschaft wie der afghanischen nicht beseitigen. Und die Milliarden, die der Westen in das Land pumpt, können es auch nicht. Um die Segnungen eines demokratischen, säkularen Systems zu verwurzeln, bedarf es einer Epoche der Aufklärung - und des Wohlstands, wenn religiöse Fanatiker nicht immer wieder die an den Rand Gedrängten für sich gewinnen sollen. Es ist richtig, wenn die (deutsche) Bundesregierung als einer der Geldgeber nun interveniert. Sie wird dies, das darf man ihr wohl zutrauen, nicht in einer Weise tun, die Ressentiments gegen 'den Islam' bedient. Sondern in der ruhigen Gewissheit, dass Demokratie nur funktioniert, wenn sie Religion zwar achtet, sich ihr aber nicht unterwirft."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Zu den dunkelsten Seiten islamischer Gesellschaften gehört die Unmöglichkeit, im Sinne der Religionsfreiheit, wie moderne Gesellschaften sie verstehen, gefahrlos den Glauben zu wechseln. Das islamische Recht sieht für Apostasie traditionell die Todesstrafe vor, jedenfalls in Afghanistan, wo manche glaubten, nach dem Sturz der besonders rigiden Taliban würden solche Bestimmungen gelockert oder nicht mehr so streng gesehen. Doch auch im 'neuen' Afghanistan, dessen Ordnung auch von deutschen Soldaten geschützt wird, ist der Islam Staatsreligion, wagt sich niemand daran, solche Vorschriften zu mildern oder aufzuheben."

"Berliner Zeitung":

"Seit dem Sturz der Taliban drängen afghanische und internationale Menschenrechtsgruppen darauf, die antiquierten und fundamentalistisch geprägten Gesetze Afghanistans zu reformieren. Die westlichen Länder von den USA bis zu Deutschland interessierten solche Forderungen bisher nur am Rande. Sie kümmerten sich lieber um den Aufbau neuer Sicherheitskräfte und den Kampf gegen die Taliban und Al-Kaida. In der afghanischen Verfassung steht der Satz: 'Kein Gesetz darf der heiligen Religion des Islam widersprechen.' Die Religionspolizei, die zu Zeiten der Taliban Angst und Schrecken verbreitete, wurde nicht abgeschafft, lediglich ihre Vollmachten wurden gestutzt. Präsident Hamid Karzai zeigt wenig Interesse an einer gründlichen Justizreform. Als jüngst fundamentalistische Kräfte die Justiz übernahmen, sah er tatenlos zu."

"Die Welt" (Berlin):

"Im Jahre 5 nach der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn erweist sich, dass die damals getroffene und gefeierte Vereinbarung für das Land am Hindukusch einige Fehler beinhaltete, die sich später in der Verfassung wiederfinden sollten. Zwar wurde in Afghanistan das Recht auf freie Religionsausübung verankert, nicht aber auch die Freiheit, den Glauben aufzugeben oder zu wechseln. Der 'Abfall vom Islam' ist ein Kapitalverbrechen nach islamischem, angeblich göttlichem Recht, der Scharia. Und der afghanische Verfassungskompromiss sieht vor, dass kein darin verbrieftes Recht und Gesetz dem Islam widerspreche. Deshalb droht nun Abdul Rahman die Todesstrafe. Der Fall ist geeignet, für Präsident Hamid Karzai zu einer pikanten Nagelprobe zu werden. (...) Die afghanischen Moslems sollten der Welt beweisen, dass sie auf dem Weg zu einer Gesellschaft sind, in der man zivilisiert und nicht mittelalterlich miteinander umgeht. Ob Rahman weiterleben oder sterben wird, ist zu einer Schlüsselfrage für Afghanistan geworden." (APA/dpa/AFP)

Share if you care.