Auf den Gipfeln der Artenvielfalt

28. März 2006, 18:24
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Die Biodiversität der Alpen gerät durch den Klimawandel in Hitzestress

30.000 Tierarten und 13.000 Pflanzenarten sind in den Alpen heimisch. Das macht den Gebirgszug zu einem der biologisch wichtigsten biogeografischen Regionen Europas. Die Alpen sind aber auch Schauplatz von rasanten Veränderungen - die Durchschnittstemperaturen steigen hier schneller als im Flachland. Und weil es so wenige ebene Flächen gibt, treffen wirtschaftliche und ökologische Interessen hier besonders heftig aufeinander. Die Ausgangslage kann als alarmierend bezeichnet werden: Europaweit gelten 42 Prozent aller Säugetiere und 15 Prozent aller Vogelarten als bedroht. Insgesamt ist das derzeitige Artensterben in der Alten Welt tausend- bis 10.000-mal schneller, als es ohne menschliches Zutun wäre.

Bis 2010 soll laut EU das Verschwinden von Tieren und Pflanzen gestoppt werden. Wie das gelingen kann, soll verstärkt von der Wissenschaft beantwortet werden.

"Noch können Forscher kaum einheitliche Kriterien nennen, um etwa den Erfolg von Schutzmaßnahmen zu messen", kritisiert Georg Grabherr, Leiter des Departments für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Land- schaftsökologie an der Uni Wien. Was Mitte März auf der Konferenz "Europe's Mountain Biodiversity" in Wien diskutiert wurde? Eine Vereinheitlichung und eine gemeinsame Forschungsagenda sollen dazu beitragen, dass die Arbeiten zur alpinen Artenvielfalt auch im siebenten EU-Rahmenprogramm berücksichtigt werden.

Erste kleine Erfolge machen Mut: Die Zwerglibelle, die kleinste Libellenart Europas, scheint dank EU-Initiative gerettet zu sein. Wichtigster Lebensraum des nur rd. 2,5 Zentimeter großen Insekts ist "die Schwemm", ein Moor in Tirol, zwischen Kufstein und Kössen. Doch das rund 60 Hektar große Areal drohte zu verlanden, weil das wild wuchernde Schilf nicht regelmäßig geschnitten wurde. Dann wurde das Öko-Juwel zum "Natura 2000"-Schutzgebiet erklärt. Mittlerweile wird die Bewirtschaftung des Moores gefördert, die Zwerglibelle sowie mehrere Amphibien- und Pflanzenarten scheinen damit bis auf Weiteres gerettet.

Anderswo wird der Artenschutz komplizierter: Steigende Temperaturen lassen die Vegetationszonen nach oben wandern. Besonders hartleibige Pflanzen, die bisher die höchsten und kältesten Gipfelregionen exklusiv für sich hatten, werden durch hochrückendes Grünzeug bedrängt. In den Flusstälern stehen entscheidende Weichenstellungen an: Wie soll den immer häufiger werdenden Hochwasser-Ereignissen begegnet werden? Entweder die bestehenden Dämme werden weiter erhöht, oder sie werden zurückgebaut wie an der oberen Drau - dort hat der Fluss Überschwemmungsgebiete zurückbekommen. Flussuferläufer und Flussregenläufer finden wieder Nist-und Futterplätze. (Gottfried Derka/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 3. 2006)

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