Neue Debatte um Erhöhung des Pensionsalters

22. März 2006, 15:12
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Sozialforscher Marin: Antrittsalter alle zehn Jahre um ein Jahr später - Ablehnung von SPÖ, Grünen, FPÖ, BZÖ und ÖGB

Wien - Der Sozialforscher Bernd Marin tritt dafür ein, dass alle zehn Jahre das Pensionsantrittsalter um ein Jahr hinaufgesetzt werden müsste. "Wir werden die Lebensverlängerung ein Stückchen weit nicht nur als Freizeit, sondern auch in der Arbeit zubringen. Ein Viertel Jahrhundert Pensionsdauer ist lang, länger kann es nicht werden", so Marin in der Fernsehsendung "Report" des ORF Dienstag abend.

Auf gestiegene Lebenserwartung einstellen

Es leuchte heute "jedem Taferklassler ein", dass bei einer längeren Lebenszeit von acht Jahren ein Teil davon in Arbeit gelebt werden müsse. Die heute schon in den Beruf getretene junge Generation habe ein Lebensalter von 92 Jahren bei Frauen und 87 Jahren im Schnitt bei Männern zu erwarten. Auf diese Situation müsse man sich einstellen.

Was die Problematik der sinkenden Kinderzahl betrifft, verweist Marin darauf, dass die Zahl der kinderlosen Frauen in den letzten Jahren keineswegs gesunken sei. Im Gegenteil habe man heute weniger Kinderlose als noch vor 20 Jahren, allerdings gebe es vermehrt Ein-Kind-Familien.

SPÖ, FPÖ und ÖGB gegen Anhebung des Antrittsalters

Der geschäftsführende SPÖ-Klubobmann Josef Cap hat am Mittwoch in einer Pressekonferenz nicht ausgeschlossen, dass die Pensionen in der nächsten Legislaturperiode wieder zu einem Thema werden könnten. Genaueres wollte er dazu aber nicht sagen, das müsse man sich dann anschauen, wenn konkrete Daten auf dem Tisch liegen. Maßnahmen, wie sie derzeit in Deutschland diskutiert werden, lehnte jedenfalls Cap ab. Er habe nie nach Deutschland geschaut und tue das auch jetzt nicht. Bei uns sei die Situation eine andere.

Europasprecher Caspar Einem plädierte dafür, die Diskussion nicht immer nur nach dem Gesichtspunkt der Ausgaben für das Pensionssystem zu führen. Wenn die Arbeitslosigkeit steige, gebe es auch ein Problem bei der Finanzierung der Pensionen. Deshalb müsse man die Arbeitslosigkeit senken und auch die Frauenbeschäftigung steigern, um die Einnahmen der Pensionsversicherung zu heben. Aber in diese Richtung unternehme die Regierung nichts, kritisierten Einem und Cap.

Tomandl und Guger

Der Pensionsexperte Theodor Tomandl verwies im Radio-Mittagsjournal des ORF darauf, dass beispielsweise eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters um ein Monat zunächst nur einen sehr geringen Einsparungseffekt zeigen würde. "Wenn ich die Beitragssätze von 22,8 auf 22,9 Prozent anhebe, wird das sofort voll."

Alois Guger vom Wifo meinte, Reformen seien nicht für die Ewigkeit gemacht. Man werde überprüfen und notfalls auch anpassen. Allerdings gehe die ganze jüngste Pensionsdiskussion viel zu aufgeregt vor sich. Die demographische Entwicklung werde bei weitem übertrieben.

Sowohl Tomandl als auch Guger sind sich darin einig, dass bei den Invaliditätspensionen ein Reformbedarf besteht.

ÖGB

Gegen den Vorschlag von Sozialforscher Bernd Marin, alle zehn Jahre das Pensionsantrittsalter um ein Jahr anzuheben, spricht sich der ÖGB aus. "Es macht wenig Sinn, ständig die gleiche Sau durch das Dorf treiben", erklärt der Leitende Sekretär im ÖGB, Richard Leutner. "Was wir brauchen, sind Beschäftigungschancen für ältere ArbeitnehmerInnen - auch das leuchtet jedem Kind ein."

FPÖ

Auch der FPÖ-Vizeobmann Norbert Hofer ist klar gegen eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters. "Herr Marin hat offensichtlich übersehen, dass es bei älteren Arbeitnehmern nach wie vor eine hohe Arbeitslosigkeit gibt", erklärte Hofer. "Eine Anhebung des Pensionsantrittsalters würde dazu führen, dass es noch mehr ältere Arbeitslose geben wird. Wir empfehlen Herrn Marin, einen Tag lang auf einer Baustelle zu arbeiten", sagte Hofer. "Dann kann er sich vielleicht vorstellen, wie es einem 66-Jährigen geht, wenn er körperliche Arbeit leisten muss."

BZÖ

Als "völlig unbrauchbar" hat Sozialministerin Ursula Haubner (B) den Vorschlag von Sozialforscher Bernd Marin, das Regelpensionsantrittsalter alle zehn Jahre automatisch um ein Jahr zu erhöhen, in einer Aussendung abgelehnt. Am Regelpensionsalter von 65 Jahren werde sich nichts ändern, beschwichtigte sie am Mittwoch.

Es gehe vielmehr auch um die Pensionshöhe. "Länger arbeiten muss sich auch in der Pensionshöhe auswirken", betonte Haubner. Es müsse aber auch ein flexibler Zugang wie zum Beispiel mit der Korridorpension möglich sein. Für Schwerstarbeitende und Berufsunfähige sei mit Schwerarbeiterregelung und Invaliditätspension ein früherer Zugang möglich. Österreich habe seinen Auftrag für die Alterssicherung rechtzeitig erfüllt, "deshalb darf nicht weiter mit dem Vertrauen der Menschen spekuliert werden", sagte die Ministerin.

Grüne

Auch der Grüne Sozialsprecher Karl Öllinger hat Marins Vorschlag als "skurril" abgelehnt, dass alle zehn Jahre das Pensionsantrittsalter um ein Jahr hinaufgesetzt werden sollte. Tatsache sei, dass die meisten Menschen derzeit rund um das 60. Lebensjahr de facto aus der Arbeit ausscheiden, weil sie entweder krank oder arbeitslos seien. "Selbst wenn - fiktiv betrachtet - das Pensionsantrittsalter auf 100 Jahre angehoben werde, würde das am tatsächlichen Beschäftigungsende von rund 60 Jahren aus den oben genannten Gründen nichts ändern", so Öllinger.

Anreize für die Beschäftigung Älterer führten derzeit dazu, dass es für Jüngere immer schwieriger werde, Arbeit zu finden. Die steigende Arbeitslosigkeit bei der Jugend und Jüngeren sei der Beleg dafür. "Die letzte Pensionsreform hat etwa bewirkt, dass junge Leute schwerer in den Arbeitsmarkt hineinfinden und ältere Menschen aus der Arbeitslosigkeit oder Krankheit in die Pension gehen müssen statt Frühpension zu kriegen", so Öllinger. (APA)

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    Später in Pension gehen? Die Forderung von Sozialforscher Marin stößt bei den Parteien auf Ablehnung.

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