Zufrieden ist, wer Geld hat

28. März 2006, 18:24
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Woran wird die Lebensqualität gemessen? Im Unterschied zu den 80er Jahren ist das Einkommen heute die wichtigste Einflussgröße

Woran wird die Lebensqualität gemessen? Hatten soziale und demografische Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozialer Status vor 20 Jahren noch starke Auswirkungen auf die individuelle Zufriedenheit, ist das Einkommen heute zur wichtigsten Einflussgröße geworden.

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Fragt man heute nach der Lebensqualität in hoch entwickelten Industrienationen, liegt es nahe, neben objektiven Indikatoren wie Bildung, Einkommen, Wohnraum und Ähnlichem auch subjektive Bewertungen des eigenen Lebens beziehungsweise bestimmter Bereiche davon in die Untersuchungen einzubeziehen. Immerhin konnte bereits in den 1970er-Jahren nachgewiesen werden, dass eine Steigerung des Wohlstands die Lebenszufriedenheit und damit letztlich die Lebensqualität nicht automatisch entsprechend anhebt.

In ihrer jüngsten, vom Wissenschaftsfonds geförderten Studie zur Lebensqualität in Österreich haben sich die beiden Wiener Soziologen Wolfgang Schulz und Florian Pichler deshalb vornehmlich auf die subjektiven Indikatoren zur Definition derselben gestützt: "Da subjektive Befriedigungen ein besseres Bild von den erfahrenen Lebensumständen der Menschen geben als das bloße Aufsummieren verschiedener materieller Fakten", erklärt Schulz, "haben wir die subjektive Lebensqualität anhand einer Skala aus drei globalen Bewertungen gemessen: Zufriedenheit, Wohlbefinden und Glück."

Bereits 1984 wurde auf dieser Basis eine Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnisse die Forscher nun mit einer neuen Umfrage aus dem Jahr 2003 verglichen haben. Dabei zeigte sich ein kontinuierlicher Anstieg der Lebenszufriedenheit der Österreicher.

So waren 2003 um etwa die Hälfte mehr Personen mit ihrem Leben "sehr zufrieden" als noch vor 20 Jahren. Dieselbe Steigerung zeigte sich übrigens auch in puncto Wohlbefinden und Glück.

Aus genau diesen drei Indikatoren leiteten die Soziologen schließlich ein Gesamtmaß für die Lebensqualität ab: Danach erfreuten sich im Untersuchungsjahr 14 Prozent der Befragten einer "sehr hohen" Lebensqualität, während 1984 nur sieben Prozent diesen Wert erreichten. Diesem positiven Trend entsprechend schätzten in der neuen Untersuchung auch beträchtlich weniger Menschen ihre Lebensqualität als "niedrig" oder "sehr niedrig" ein - diese Gruppe schrumpfte von beachtlichen 37 Prozent auf immerhin noch 22 Prozent.

Durch die systematische Kombination der Zufriedenheitswerte in verschiedenen Lebensbereichen konnten die Forscher auch herausfiltern, welche Bevölkerungsgruppen beziehungsweise Lebensstile sich mit besonders hoher oder unterdurchschnittlicher Lebensqualität verbinden.

Verschiedene Zugänge

"Interessant ist", sagt Schulz, "dass sich hohe Lebensqualität auf ganz unterschiedliche Weise realisieren lässt: Sie zeigt sich bei Singles ebenso wie bei typisch familienorientierten Lebensweisen." So attestieren sich 98 Prozent der partnerlosen, berufstätigen oder in Ausbildung befindlichen Jung-Erwachsenen mit eher durchschnittlichem Einkommen eine hohe Lebensqualität - und zwar unabhängig vom Bildungsniveau.

Sehr zufrieden mit ihrem Leben (93 Prozent mit hoher Lebensqualität) zeigten sich auch Männer und Frauen um die 40 mit einem oder zwei Kind(ern), vorwiegend niedriger Bildung und durchschnittlichem Einkommen. "Die Personen dieser im Vergleich größten Gruppe aus der gesamten Stichprobe kommen aus eher bescheidenen Milieus und stehen für einen modernen, freizeitorientierten Lebensstil, in den die Familie integriert wird", erklärt Wolfgang Schulz.

Dass auch ein fortgeschrittenes Alter durchaus mit hoher Lebensqualität (89 Prozent) einhergehen kann, belegen die Zufriedenheitswerte bei jenen Österreichern ab 50, die sich im Übergang zur oder bereits in Pension befinden und über ein mittleres Einkommen verfügen. "Charakteristisch für diese Gruppe ist", erklärt Schulz, "dass sie mit fast allen Lebensbereichen - bis auf jenen der Gesundheit - sehr zufrieden ist. Man hat den Eindruck, dass diese Menschen ihr Leben alles in allem gut im Griff haben, sich vielleicht aber auch schon an vieles angepasst haben, sodass Gesundheit in diesem Alter ein für die Lebensqualität bestimmender Bereich wird." Bemerkenswert ist, dass sich in dieser Gruppe mehr Frauen als Männer befinden.

Für hohe Werte am anderen Ende der Skala (70 Prozent mit niedriger Lebensqualität) sorgt erwartungsgemäß die große Gruppe jener älteren Menschen, die mit sehr geringem Einkommen, schlechter Gesundheit, ohne Partner und Familie und wenigen sozialen Kontakten auskommen müssen. Sie können keinen Lebensbereich positiv bewerten. "Auffällig ist neben dem niedrigen Einkommensniveau der hohe Anteil an Kinderlosen."

Ausgesprochen niedrig ist die Lebensqualität auch bei älteren, nicht erwerbstätigen Frauen ohne Partner, aber mit Kindern und niedriger Schulbildung. Wenig Grund zur Zufriedenheit gibt es auch bei berufstätigen Alleinerzieherinnen beziehungsweise geschiedenen Männern mit Kindern zwischen 30 und 50 Jahren mit durchschnittlichem bis niedrigem Einkommen. Diese Gruppe ist mit fast allen Lebensbereichen unzufrieden: von der Familie über die Gesundheit bis zu den sozialen Kontakten und dem Beruf.

Materielle Komponente

Generell zeigte sich, dass soziale und demografische Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozialer Status und Ähnliches vor 20 Jahren noch viel stärkere Auswirkungen auf die Lebensqualität hatten als heute. "Stattdessen ist das Einkommen zur wichtigsten Einflussgröße geworden", erklärt Schulz. "Frauen haben somit keine niedrigere Lebensqualität mehr, doch treten nun materielle Unterschiede verstärkt in den Vordergrund. Es zeigte sich auch, dass für Frauen höhere Bildung ein wesentlicher Faktor für die Zufriedenheit mit ihrem Leben geworden ist."

Auch tragen Kinder heute nicht mehr wesentlich zur Lebensqualität bei - sehr wohl aber der Partner. Durch die Einbeziehung affektiver Fragekomponenten in die Untersuchung wurde zudem deutlich, dass sich die "Partnerqualität" - gemessen an dem Gefühl, jemanden zu haben, auf den man sich verlassen und mit dem man über alles sprechen kann - in den letzten zwei Jahrzehnten merklich verbessert hat.

"Eine Faktorenanalyse der Emotionen hat gezeigt, dass intime Beziehungen und Selbstverwirklichung - etwa Freude an der eigenen Tätigkeit - die wichtigsten Dimensionen von Lebensqualität sind." Für rund ein Fünftel der Österreicher sieht es in diesen Bereichen jedoch alles andere als rosig aus. Geht es um die Finanzen, findet sich sogar die Hälfte im negativen Bereich.

Insgesamt liefert die Studie trotz des konstatierten allgemeinen Anstiegs der Lebenszufriedenheit wenig Grund zur Beruhigung: Solange 14 Prozent zufriedene Österreicher 22 Prozent (begründet) Unzufriedenen mit "niedriger" bis "sehr niedriger" und fast 40 Prozent mit "mäßiger" Lebensqualität gegenüberstehen, sind ungeachtet aller hier einfließenden Persönlichkeitskomponenten noch einige dringliche gesellschaftspolitische Fragen zu stellen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.3.2006)

Von Doris Griesser
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