In Minsk zieht wieder politisches Winterklima ein

27. März 2006, 15:50
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Die Anzahl der Demon­stranten schrumpft, aber die Gefahr eines gewaltsamen Angriffes durch die Sicherheits­kräfte steigt ebenso wie die Wahrscheinlichkeit weiterer Repressionen

Der "Homo sovieticus" hat über die Jugend gesiegt.


Minsk - Einen Tag lang war es sonnig und klar in Minsk. Am Dienstag fiel wieder Schnee. Hochnebel hüllte die weißrussische Hauptstadt ins winterliche Grau des Nordens. Das Leben begann seinen üblichen Lauf zu nehmen. Ganz so, als ob nichts war. Und ganz so, als ob alles bleiben wird, wie es war.

Im Stadtzentrum auf dem Oktoberplatz hielten einige hundert Demonstranten die Erinnerung daran aufrecht, dass das Regime des Präsidenten Alexander Lukaschenko auch Gegner hat. Als sich am Sonntagabend gleich nach dem Ende der so genannten Wahlen um das Präsidentschaftsamt an die 15.000 den wüsten Drohungen der Staatsmacht getrotzt und sich zu Protesten versammelt hatten, war die Opposition nicht weniger verblüfft als die Staatsmacht. Aber letztere hat vorgesorgt. Alle Personen, die eine Regie in die Proteste hätten bringen können, wurden kurzerhand aus dem Verkehr gezogen und ins Gefängnis gesteckt. Improvisation prägte fortan das Bild der Demonstrationen, die verzweifelte Suche nach einem Regisseur, nach Losungen, nach Organisation.

Achtbare 5000 versammelten sich noch am Montag, trotzdem nur noch ein Drittel vom Vortag. Einige Hundert entschlossen sich spontan, eine kleine Zeltstadt für das Nachtlager zu errichten und sie mit einer Menschenkette zu schützen. Ihr Ausharren trotz Minustemperaturen werde "in die Geschichtsbücher eingehen", sagte der 58-Jährige Oppositionskandidat Alexander Milinkewitsch am Dienstag: "Wir sind hier, und wir haben den ehrlichen Kampf für Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit begonnen".

Milinkewitsch weiß die Dinge auf den Punkt zu bringen. Und er wird in dem Moment auch gewusst haben, dass der genannte Beginn fürs Erste zu Ende ist. Unter den derzeitigen Bedingungen im Staat hat die Opposition vermutlich getan und erreicht, so viel sie eben konnte.

Die Staatsmacht machte sich wieder sukzessive bemerkbarer. Milinkewitsch teilte mit, die Sicherheitskräfte hätten den Chef der Vereinigten Bürgerpartei, Anatoli Lebedko, sowie dessen Stellvertreter, Alexander Dobrowolski, verhaftet. Ähnlich erging es dem Chefredakteur der Oppositionszeitung Nascha Niwa. Am Dienstag berichtete die tschechische Zeitung Mlada Fronta Dnes, dass einer ihrer Korrespondenten am Sonntag bei einer Oppositionsveranstaltung zusammengeschlagen wurde. Diplomaten vermuten den Geheimdienst hinter dem Angriff.

Keine Sonne

Wurde die Zahl der Demonstranten mit den Tagen kleiner, so die Atmosphäre immer gespannter. "Man wird die Versammlung gewaltsam auflösen", meinte ein Aktivist am Dienstagnachmittag. "Nun folgen Provokationen und Repressionen", sagt der erste weißrussische Präsident, Lukaschenkos Vorgänger, Stanislav Schuschkewitsch, zum STANDARD: "Aber die Ereignisse haben doch eine gewisse Hoffnung auf bestimmte Perspektiven eingeflößt. Wenigstens die Jugend hat die Angst besiegt." Die Jugend hat das Regime satt, beteuert ein westlicher Unternehmer in Minsk.

Die ältere Generation sei leichter zu belügen, meint Schuschkewitsch, denn "der homo sovieticus ist schwer zu besiegen". Russland gratulierte Lukaschenko. Die USA sprachen sich für eine Wiederholung der Wahl aus. Die EU erwägt eine Verschärfung der Sanktionen. Das Winterklima für die Demokratie in Weißrussland werde nicht Bestand haben, meinte Außenministerin Ursula Plassnik in Brüssel. In Minsk kam am Dienstag die Sonne nicht zum Vorschein. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2006)

Von Eduard Steiner aus Minsk
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    Frostiges Klima: Eine Gruppe von Demonstranten hat im Zentrum von Minsk ein Zeltlager errichtet und will dort die Proteste fortsetzen.

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