Nie zuvor gesehene Zerstörungskraft

28. März 2006, 16:06
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Die Eruption des Reven­tador in Ecuador vor dreieinhalb Jahren gab Rätsel auf: Nie zuvor wurde ein derartiger Aus­bruch beobachtet

Die Eruption des Reventador in Ecuador vor dreieinhalb Jahren gab Rätsel auf: Noch nie war ein derart seltsamer Ausbruch eines Vulkans mit so hoher Zerstörungskraft beobachtet worden. Jetzt könnte das Rätsel gelöst worden sein.

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Quito - Dass der Reventador gefährlich ist, war bekannt. Doch die Aschenwolke, die der ecuadorianische Vulkan im November 2002 ausspuckte, erschreckte die Forscher. Zwar verlief die Eruption glimpflich, ging in unbesiedeltem Gebiet 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Quito nieder und zerstörte nur Ölleitungen, Brücken und Straßen, aber nie zuvor hatten Vulkanologen einen ähnlichen Ausbruch gesehen: Die Eruption breitete sich plötzlich krakenartig nach allen Seiten aus und brach binnen Sekunden über die Landschaft herein.

"Normale" Ausbrüche hingegen kollabieren nicht so plötzlich und sind weniger massereich. Nach langem Rätseln präsentieren Forscher nun eine Erklärung dafür. Demnach können auch Vulkane wie der italienische Vesuv so gefährlich explodieren.

Typische Vulkaneruptionen zeigen das Bild eines riesigen Pilzes mit langem Stiel: Eine heiße Mischung aus Asche, Lava und Gestein schießt mit bis zu 600 Metern pro Sekunde aus dem Schlot. In mehreren hundert Metern Höhe kommt das Inferno kurz zum Stillstand - und holt neuen Schwung: Wie eine glühende Herdplatte erhitzt die Wolke die Luft über sich und lässt sie aufsteigen. Es entsteht ein Asche-Lava-Sturm, der kontinuierlich Luft ansaugt und bis zu 30 Kilometer weit in die Höhe schießt. Erst wenn die Luft zu dünn wird, breitet sich die Asche zur Seite aus: der Schirm des Pilzes.

Berg mit Schluckauf

Auch der Ausbruch des Reventador begann mit einer dieser so genannten plinianischen Eruptionen: Der Vulkan schickte seine Asche 17 Kilometer hoch in die Atmosphäre. Doch plötzlich war es, als hätte der Berg Schluckauf: Der Höhensturm kam nicht mehr in Gang, das Asche-Lava-Gemisch brach in sich zusammen. Die Form der Aschenwolke "ähnelte plötzlich einer Kammmuschel anstelle eines Pilzes", so Forscher um Pinaki Chakraborty von der University of Illinois in den Geophysical Research Letters.

Was war geschehen? Die Eruption habe nicht die normale Betriebstemperatur erreicht, meinen die Forscher, die Fotos des Ausbruches auswerteten. Deshalb konnte die Asche nicht wie üblich aufsteigen. Stattdessen herrschten Bedingungen wie in einer Lavalampe: Luftblasen drangen von unten her in die Eruptionswolke, während die Asche portionsweise absank, schließlich kollabierte.

Keine Fluchtmöglichkeit

Der Vorgang lasse sich mit mathematischen Gleichungen für turbulente Flüssigkeiten beschreiben. Doch auch wenn die Eruption im Nachhinein berechenbar sein sollte - sie sei gefährlicher als andere Vulkanausbrüche, betonen die Wissenschafter. Denn im Umkreis von mehreren Kilometern bestehe keine Fluchtmöglichkeit: Der zerstörerische Auswurf des Berges entweiche nicht nach oben, sei somit massereicher als üblich und stürze binnen Sekunden zu Boden.

Die Glutlawinen (pyroklastische Ströme) dieser Art von Eruption stellten alle bisher beobachteten in den Schatten, rasten fast lautlos die Vulkanflanken kilometerweit hinab. Die Asche zementiere in wenigen Sekunden die Atemwege aller Lebewesen. Gleich danach verbrenne die Glutwolke alles Organische.

Und die Ursache? Magma sei vor dem Ausbruch mit außergewöhnlich viel Grundwasser in Kontakt gekommen. Das Wasser habe den explosiven Stoff abgekühlt und ihm die Energie für den Aufstieg genommen. Diese Theorie müsse noch mit Analysen der Ablagerungen abgesichert werden. Sollten andere Vulkane wie der Vesuv, dessen Umgebung dicht besiedelt ist, derart ausbrechen, sei eine Katastrophe unausweichlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.3.2006)

Von Axel Bojanowski
  • Der Ausbruch des Reventador in Ecuador begann normal, zeigte eine pilzartige Form. Plötzlich riss der Höhensturm ab und die Aschenwolke breitete
sich schon in geringer Höhe mit gewaltiger Zerstörungskraft seitlich aus.
    foto: der standard/universität illinoi

    Der Ausbruch des Reventador in Ecuador begann normal, zeigte eine pilzartige Form. Plötzlich riss der Höhensturm ab und die Aschenwolke breitete sich schon in geringer Höhe mit gewaltiger Zerstörungskraft seitlich aus.

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