Kurt Beck im STANDARD-Interview: "Keine Salti auf der Reichstagskuppel"

22. März 2006, 10:33
3 Postings

SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz will mit Wahlsieg die Bundespartei stärken und die Koalition in Berlin stabilisieren

Siegt seine SPD am Sonntag in Rheinland-Pfalz, werde das auch die SPD im Bund stärken und die Koalition in Berlin stabilisieren, sagt Ministerpräsident Kurt Beck im Gespräch mit Birgit Baumann.

* * *

STANDARD: Sie sind die Hoffnung der SPD. Können Sie in Mainz weiterregieren?

Beck: Ich bin zuversichtlich. Die Umfragen sehen nicht schlecht aus, der Wahlkampf ist freundlich. Es geht übrigens ausschließlich um Landesthemen, weil die große Koalition in Berlin so etwas wie eine neutrale Basis darstellt.

STANDARD: Wird Ihnen gedankt, dass Sie im Herbst nicht den SPD-Vorsitz übernahmen?

Beck: Dafür gibt es viel Zustimmung. Ich erlebe immer wieder, dass mich einfache Leute ansprechen und sagen: "Gell, Sie gehen nicht fort." Das hat was Anrührendes und ist Bestärkung, dass man nicht kurz vor einer Wahl wegläuft.

STANDARD: Ihre Landes-SPD liegt zehn Punkte vor der Bundes-SPD. Warum kann sich die SPD in Berlin nicht profilieren?

Beck: Es ist zu früh, um Bilanz zu ziehen. Die Kanzlerin hat logischerweise einen großen Neuigkeitswert. Aber ob beide Partner ihr Profil bewahren können, wird sich erst in eineinhalb, zwei Jahren zeigen.

STANDARD: Welche Auswirkung haben die Wahlen auf Berlin?

Beck: Sicher eine indirekte. Wenn sich die Umfragen bestätigen, stärkt das die SPD und stabilisiert die Koalition.

STANDARD: Sie sind mit Ihrem Koalitionspartner FDP sehr zufrieden. Wäre das auch eine Option für die Bundesebene?

Beck: Wenn es immer nur die Alternativen Rot-Grün und Schwarz-Gelb gibt, entstehen thematisch keine neuen Schnittmengen. Die Konstellation in Rheinland-Pfalz ist sicher ein Beitrag, um aus dieser unglückseligen Lagerbildung auszubrechen - und daran anzuknüpfen, was an sozialliberaler Substanz in der Regierung Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher ja da war.

STANDARD: Matthias Platzeck startete mit phänomenaler Zustimmung als SPD-Chef. Nun ist es ruhig um ihn geworden. Macht Sie das nervös?

Beck: Er hatte auf dem Parteitag einen guten Auftritt. Außerdem war es das Durchatmen einer Partei, die ein paar Tage zuvor in den Abgrund schaute. Das kann man im Alltag nicht bei 99 Prozent halten. Aber er macht seinen Job gut und hat die Debatte über ein neues Grundsatzprogramm eingeleitet. Er hat es nicht nötig, jeden Tag auf der Reichstagskuppel Salti zu schlagen, um zu beweisen, dass er da ist.

STANDARD: Was muss die wichtigste Botschaft der SPD sein?

Beck: Nicht diejenigen, die sich Reformen verweigern, erhalten die soziale Dimension unserer Gesellschaft. Reformen müssen gemacht werden, um die Solidarsysteme im Kern zu erhalten. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.3.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zur Person
    Kurt Beck (57) regiert Rheinland-Pfalz seit 1994 mit der FDP. In der Bundes-SPD ist er Stellvertreter von Parteichef Platzeck.

Share if you care.