Die neue Liebe zum Bruder im Norden

26. März 2006, 19:20
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Neue Politikergeneration zeigt Verständnis für den kommunistischen Norden und sucht den Ausgleich

Während die Sechs-Parteien-Gespräche über Nordkoreas Atomprogramm ausgesetzt bleiben, wächst die Distanz zwischen Südkorea und den USA nur weiter. Eine neue Politikergeneration zeigt Verständnis für den kommunistischen Norden und sucht den Ausgleich.

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Auch der amerikanische Präsident hat einmal durchs Fernglas geschaut am Beobachtungsposten Ouellette, diesem allerletzten Vorposten des Westens, der an drei Seiten von feindlichem nordkoreanischen Gebiet umgeben ist, und sah danach im Museum die Äxte, die jene fürchterliche Geschichte vom August 1976 erzählen. Nordkoreanische Grenzsoldaten waren damals bei Holzarbeiten plötzlich auf zwei US-Soldaten losgegangen und hatten sie zu Tode gehackt.

"Kein Wunder, dass ich glaube, dass sie böse sind", sagte George W. Bush 2002 den Reportern bei seinem Besuch nahe Panmunjom an der Waffenstillstandslinie zwischen Nord- und Südkorea. Vielleicht aber auch ist der Blick aus Panmunjom heute weder gut noch böse, sondern einfach so unwirklich wie ein Stück aus einem schlechten Film.

30 Jahre nach dem "Axt- Zwischenfall" und mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Koreakriegs schiebt sich einmal am Tag eine Besuchergruppe durch die "Joint Security Area", das gemeinsam von Nordkorea, Südkorea und UNO verwaltete Gebiet – möglichst still und in Zweierreihen. "Wie im Kindergarten", rät die Reiseführerin, "und kommen Sie bitte nicht auf die Idee, über die Demarkationslinie zu rennen". Ist ihr nämlich auch schon mit Besuchern passiert.

Anderer Wortschatz

Es gibt Tage in Seoul, der Hauptstadt, die kaum eine Fahrtstunde entfernt von Panmunjom liegt, da möchte man glauben, der Graben zwischen Südkorea und der Regierung des Präsidenten Bush ist mittlerweile fast schon so tief wie jener, der die beiden koreanischen Staaten auf der Halbinsel trennt. Die "Achse des Bösen" ist kein Begriff, der im Wortschatz südkoreanischer Regierungsvertreter vorkommt, wenn sie über den kommunistischen Norden sprechen. Man betont vielmehr die Hoffnung auf "Wandel" und "Reform" und die "große wirtschaftliche Lücke", die man schließen müsse.

"Wir sollten flexibler und großzügiger sein als die andere Seite", sagt Park Chang- bong, einer der stellvertretenden Minister für Vereinigung. "Wir haben eine asymmetrische Überlegenheit auf unserer Seite", meint er fast bedauernd, "wir sind die elftgrößte Wirtschaft der Welt, und der Norden kann nicht einmal seine Bevölkerung ohne Hilfe von außen ernähren." Im Süden Seouls, nahe der Stadt Pyongtaek, ketten sich derweil Demonstranten an Tore und Masten. Sie protestieren lautstark gegen den Bau einer neuen amerikanischen Militärbasis.

Dabei geht es in Pyongtaek ohnehin schon um die Zusammenlegung mehrerer US- Basen an einem neuen Ort. 34 der 41 Stützpunkte im Land soll Washington in den nächsten Jahren an Südkorea zurückgeben, so sieht es ein Abkommen mit der Regierung von Präsident Roh Moo-hyun vor.

Das Verhältnis zwischen Südkorea und den USA sei in einer Art Übergangsphase, formulieren höflich Beamte im Außenministerium, wo Vertreter einer "unabhängigen Politik" mit denen der "klassischen", an Washingtons Schutz orientierten Linie rivalisieren.

So links wie nie zuvor

Denn der Garnisonsstaat Südkorea gefällt sich selbst nicht mehr. 20 Jahre nach dem Ende der autoritären Regierungen, die dem Land um den Preis der Freiheit enormen wirtschaftlichen Erfolg beschert hatten, suchen die demokratischen Dissidenten von einst den Ausgleich mit dem Norden. "Wir haben jetzt die am weitesten links stehende Regierung in der Geschichte unseres Landes", klagt Kim Young-hie, Kolumnist von JoongAng Ilbo, einer der drei großen – unterschiedlich weit rechts stehenden – Tageszeitungen des Landes. Sehr nationalistisch sei diese Regierung mit ihrer Idee einer gemeinsamen, sich selbst genügenden Sicherheit Nord- und Südkoreas.

Weit hatte sich Roh Moo-hyun, der frühere Bürgerrechtler und heutige Präsident, dabei herausgelehnt: Nordkoreas Anspruch auf atomare Selbstverteidigung sei ein "nachvollziehbares Argument", meinte er einmal. Washingtons Neokonservative, die auf das Risiko durch Pjöngjangs Atomprogramm und die Tatsache der fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen pochen, ließ das fassungslos. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.3.2006)

Markus Bernath aus Seoul
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    Feindbeobachtung in Panmunjom: Ein nordkoreanischer Grenzsoldat blickt über die Waffenstillstandslinie.

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