Psychiatrie laboriert noch am Mord an Anna Lindh

23. März 2006, 09:21
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Kommission arbeitet seither an Reform, damit psychisch Kranke nicht mehr durch Gesundheitsnetz fallen

Stockholm – Seine inneren Stimmen befahlen Mijailo Mijailovic am 10. September 2003, in einem Stockholmer Kaufhaus auf Außenministerin Anna Lindh einzustechen, das Attentat bestimmte tagelang die weltweite Bericht^erstattung. Der Aufschrei, der aber durch das Land ging, als am 11. September, dem Tag an dem Lindh ihren Verletzungen erlag, in Arvika ein psychisch kranker Mann in einem Kindergarten ein fünfjähriges Mädchen erstach, blieb außerhalb Schwedens ungehört.

Was ist aus der Psychiatriereform geworden, die 1994 als Meilenstein gefeiert wurde und die psychisch Kranken eine Teilnahme am sozialen Leben ermöglichen sollte? Einer, der die Antwort darauf sucht, ist Anders Milton. Er leitet die Kommission, die die Regierung 2003 damit beauftragt hat, den Ist-Zustand zu erfassen und Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.

Früherkennung als Ziel

"Einer unserer Schwerpunkte ist, Indikatoren zu finden, um Gewaltbereitschaft zu erkennen", sagt der Arzt im Gespräch mit dem Standard. Es dürfe nicht passieren, dass Menschen vom Gesundheitssystem in Stich gelassen werden, weil es zwischen den Psychiatrischen Abteilungen, die der Provinzverwaltung unterstehen und den Sozialarbeitern, die die Gemeinden stellen, Kommunikationsprobleme gibt.

Schwierig, hinein zu kommen

Mijailovic wusste um seine psychischen Probleme, suchte Hilfe und wurde abgewiesen. Der Mann in Arvika hatte zuvor den Wunsch geäußert, ein Kind zu töten. War es früher schwer, aus der Psychiatrie herauszukommen, scheint es heute schwer, ins System hineinzukommen.

"Wenn man heute in einem psychischen Ausnahmezustand in eine Klinik geht und etwas getrunken hat, kann es leicht passieren, dass man mit der Empfehlung, sich den Rausch auszuschlafen, weggeschickt wird." Das dürfe nicht mehr passieren. Niemand, der mit den Symptomen eines Herzinfarkts eingeliefert wird, werde wegen einer Alkoholfahne abgewiesen.

Bessere Ausbildung

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Suizidprävention. "Nicht alle Selbstmorde kann man verhindern", sagt Milton, "aber es soll niemand Suizid begehen, weil das Gesundheitssystem nicht reagiert." Dazu müssten aber sowohl Ärzte als auch Sozialarbeiter besser ausgebildet werden.

Was Milton fordert, um die Psychiatrie patientengerecht zu machen, sind Basiszahlen und Statistiken. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich herausgestellt hat. "Wenn ich mit Psychiatern spreche, kommt immer das Argument, man könne Menschen nicht auf Zahlen reduzieren."

Außerdem bestehe große Konkurrenz unter den unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen und Schulen. Milton: "Wir wollen aber für jeden Patienten die objektiv beste Behandlung, unabhängig davon, an wen sich der Betroffene wendet. Wenn ich heute eine Herzoperation habe, kann ich doch auch davon ausgehen, dass überall die modernste Operationstechnik angewendet wird." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD Printausgabe, 22.03.2006)

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