Der Beichtgutschein

23. März 2006, 20:14
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Der Mönch mit der Warnweste hatte ein selbst gezeichnetes Umleitungsschild an einen Baum gehängt...

Der Mönch hatte eine Warnweste getragen. Mitten auf der Kärntner Straße. Aber trotzdem hatte ihn kaum jemand beachtet.

Es war vorgestern. Und es war eigentlich eine Nebenerscheinung des Frühlingsbeginns. Weil ich das Flugblatt komplett vergessen hatte – und es mir erst in die Finger fiel, als ich meine Winterjacke ins hinterste Eck des Kastens hängte. Aber weil ich beschlossen habe, sie bis November nicht mehr hervorzuholen, ging ich durch alle Taschen. Weniger auf der Suche nach verlorenen Schätzen als um mir dann – nächsten Herbst – die Entdeckung eingetrockneter alter Taschentücher und ähnlicher Kleinodien zu ersparen.

So lag dann plötzlich der Gutschein vor mir – und brachte die Erinnerung an den vorweihnachtlichen Abend zurück. Der Mönch war auf der Kärntner Straße gestanden. Ungefähr auf der Höhe des Hotels Ambassador. Und weil es doch schon ziemlich dunkel war und Mönchskutten eher in unspektakulären Farben gehalten sind, war es gar nicht so dumm von dem Bruder gewesen, dass er sich eine gelbe Autobahn-Warnweste über die Soutane geworfen hatte: Sonst hätte ihn wohl überhaupt niemand wahrgenommen. So schauten zumindest ein paar Leute kurz auf – bevor sie weiter gingen.

Umleitungsschild

Der Mönch hatte ein selbst gezeichnetes Umleitungsschild an einen Baum gehängt. Es zeigte zum benachbarten Kirchentor (Sind dort die Augustiner? Keine Ahnung). Und weil mir der ignorierte Mann ein bisserl Leid tat, nahm ich ihm einen Zettel ab. „Beichtgutschein“ stand darauf. Die Idee fand ich nett: Etwas, das ohnehin immer und gratis angeboten wird, über einen Gutschein nicht nur in Erinnerung zu rufen sondern qua Voucher auch noch einen materiellen Wert zu unterstellen, hat etwas. Aber natürlich bin ich dann doch nicht in die Kirche, sondern ins Barbaros gegangen. Zur siebenunfünzigsten Adabei-Weihnachtsfeier von links. Ein Job. Der Zettel landete in meiner Tasche und war im selben Moment vergessen.

Gestern habe ich B. dann den Beichtgutschein gezeigt. Weil wir damals beide dienstlich auf der Feier waren und uns nach Kräften gelangweilt hatten. B. nahm den Zettel – und bekam nostalgisch-glänzende Augen: Sie sei damals, nach der Feier die sie lange vor mir verlassen hatte, auch noch an dem Mönch vorbei gekommen. Und habe ihm auch einen der Zettel abgenommen.

Einkehr-Geständnis

Sie sei, sagte B., ja schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten – aber an dem Abend sei sie dann in die Kirche gegangen. Nicht um zu beichten – sondern einfach so. Vielleicht ja auch, weil sie die Weihnachtsfeierei mit den üblichen Profi-Gästen und Fraggle-Promis der Stadt so angewidert hatte. Und das, erzählte B. – die paar Minuten Stille, hätten ihr Weihnachten zurückgegeben. Zum ersten Mal seit Jahren. Eigentlich zum ersten Mal, seit sie ein Kind war. Aber als sie dann aus der Kirche gekommen sei, sei der Mönch mit der Reflektor-Weste nicht mehr da gewesen. Oder sie habe ihn, sagte B., vielleicht übersehen.

Dann nahm sie mir den zerknitterten Zettel ab. Den brauche sie, sagte sie. Schon jetzt, vor Ostern, für nächstes Jahr. Auch wenn alle ihre Freunde sie das ganze Jahre über auslachen würden, werde sie den Gutschein an ihre To-Do-Pinwand am Eiskasten heften – und so beknackt das jetzt klänge: der kleine doofe Zettel mache ihr schon jetzt, zu Frühlingsbeginn, Lust und Freude auf Weihnachten.

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