"Am Dolmetscher bleibt´s hängen"

27. Februar 2008, 22:25
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Ob Redeschwall der Managerin oder Stammeleien vom Minister, Dolmetscher bleiben Profis - Ein Blick hinter die Kulissen eines anonymen Berufes

Bei seiner Antrittsrede vor dem EU-Parlament brachte Wolfgang Schüssel im Jänner die souveränen DolmetscherInnen ganz schön ins Schwitzen. Er wurde in seiner Rede - abseits des vorbereiteten Textes - so spezifisch, dass die Profis nur klein beigeben konnten. "Wiener Rennweg?", ob Adresse oder Geheimtipp für eine Laufstrecke, wer weiß das schon, der kein Wiener ist. Im Publikum herrschte Verwirrung und eine leise Ahnung davon, was internationale Treffen ohne eine sonst so anonyme Berufgruppe wäre: den DolmetscherInnen.

20 Amtssprachen

Die Europäische Union beschäftigt in all ihren Institutionen zusammen 800 Konferenzdolmetscher in 20 Amtssprachen. Die Verantwortung der Übersetzer ist groß, schließlich geht durch ihren translatorischen Filter alles, was in auf den Podien der EU gesagt, verhandelt und vereinbart wird. Auch zu den Gipfeln, Konferenzen und Tagungen der EU-Ratspräsidentschaft werden die "altbewährten" DolmetscherInnen der europäischen Gehaltslisten eingesetzt, das massive Aufkommen in den jeweiligen Mitgliedsländern kann allerdings selbst dieses Riesenteam nicht bewältigen.

Philosophische Texte

"Ein ideales Einsatzgebiet für heimische Dolmetscher", erzählt Birgit Strolz von Conference Consulting gegenüber derStandard.at auf der Tourismuskonferenz. Ihre Firma stattet viele Treffen und Konferenzen , die derzeit im Rahmen der EU-Präsidentschaft stattfinden, mit Dolmetschteams aus. Sie dolmetscht selbst, nur heute ist sie als Zuhörerin bei der Konferenz. Der deutsche Philosoph und Kulturwissenschafter Peter Sloterdijk interpretiert das Phänomen Tourismus. "Die Demokratisierung des Luxus ist das Geheimnis des Wachstums im Kapitalismus", in den Dolmetschkabinen wird hart gearbeitet, schließlich erwarten sich mit Kopfhörern ausgestattete Briten, Franzosen, Finnen und Letten neue, philosophische Zugänge zum Thema Tourismus.

Halsweh und anderes

Nach Sloterdijk trudelt im kleinen Saal langsam Übersetzungsteam Nummer Zwei ein. Team Eins wechselt zur Ministerrunde - geschlossene Veranstaltung. Fatima - deutsch, englisch, französisch, spanisch - kramt in ihrer Tasche nach Neoangin: "Halsweh," kommentiert sie und zieht eine die Türe der deutschen Kabine hinter sich zu.

Akzent und Schlimmeres

Wer heute Englisch oder Französisch sprechen könnte, ist aus dem Programm nicht unbedingt ersichtlich. "Die Finnin vermutlich", schätzt Fatima und seufzt: "Die Finnen haben oft einen furchtbaren Akzent, mal sehen", Kollegin Denise zwinkert ihr aufmunternd zu. "Schlimmer sind die, die so schnell reden, dass man kaum mit Übersetzen nachkommt." Doch auch österreichische Vortragende haben ihre Vorträge auf Englisch angekündigt. "Viele Österreicher beherrschen die englische Sprache gut, aber manchen sollten das lieber uns überlassen," Denise spricht aus leidvoller Erfahrung.

Nur einige wenige Unterlagen stehen diesmal zur Verfügung, Abkürzungen, Fachvokabular und Kurzzusammenfassungen erleichtern die Vorbereitung. "Es ist aber um vieles einfacher, wenn wir die ganzen Vorträge im Voraus bekommen," erklärt Denise im letzen Vorbereitungsstress. "Es wird allerdings von den wenigsten nichtprofessionellen Vortragenden mitgedacht, dass ihre Reden ja gedolmetscht werden müssen." Anders die Profipolitker, "da ist die Vorbereitung gut und wir bekommen meistens die vollständigen Kerntexte."

Keine Arbeit für die deutsche Kabine

Ein Räuspern vom Plenum, die Vorträge werden fortgesetzt, Denise und Fatima nehmen ihre Arbeitsposition ein, um sich einen Moment später wieder zu entspannen. "Der spricht ja doch deutsch". In der deutschen Kabine hält sich die Geschäftigkeit noch in Grenzen, die Mikrophone der ÜbersetzerInnen ins Englische und Französische sind On Air, es geht um ein neues Tourismusportal. Eine/r der beiden anwesenden DolmetscherInnen pro Kabine übersetzt, eine/r hört mit, schreibt Zahlen auf oder versucht anderweitig Hilfestellung zu geben. Alex übersetzt ins Englische, nur einige Zehntel Sekunden hinter dem Originaltext. "Simultanübersetzung, das Gegenteil von Konsekutiv," für Denise ihre ganz normale Welt.

An uns bleibt´s hängen

Der Vortragende spricht deutlich, langsam und vor allem zusammenhängend. Was keine Selbstverständlichkeit ist, so Denise, sondern eher die Ausnahme. "Viele Vortragende sind nervös, verhaspeln sich, sprechen Sätze nicht zu Ende. Das ist mühsam, denn am Dolmetscher bleibt´s schlussendlich hängen." Und bricht ein Redeschwall übers Publikum herein müsse selbst der beste Dolmetschende mal einen Satz auslassen.

Endlich kommen auch Fatima und Denise zum Einsatz, die Finnin beginnt am Podium ihren Vortrag. Der gefürchtete finnische Dialekt quält die Übersetzerin. In Sekundenschnelle beraten Denise und Fatima das eine oder andere undeutlich gesprochenene Wort vom Podium, die Zuhörer merken nichts.

Redeschwall

Wie um die Bandbreite der Übersetzungsherausforderungen zu demonstrieren, folgt nach der Finnin nun der Vortrag einer Schnellsprecherin. Denise galoppiert mit der Übersetzerin in der französischen Kabine verbal um die Wette, beiden gelingt es irgendwie, den Anschluss zu halten. Nach dem Vortrag macht sich Erschöpfung breit.

Ob in der Hektik auch dann und wann Übersetzungsfehler passieren? "Klar," gesteht Fatima und gibt eine harmlose Kostprobe aus ihre bisherigen Laufbahn. "Ich habe einmal in der Eile 'Thank you, Franz' mit "Danke, Frankreich" übersetzt, das war vielleicht ein Lacher am Podium, ab dem Moment wurde Franz nur noch mit Frankreich angesprochen".

Anonymer Beruf

"Ansonsten ist Dolmetscher ein sehr anonymer Beruf, nur selten gibt´s eine Reaktion, ein Danke vom Podium," stellen die beiden übereinstimmend fest. Auch auf der Tourismuskonferenz denkt niemand daran, die Arbeit der Dolmetscher zu würdigen. Die sind es gewohnt und wälzen lieber Essenspläne, packen Unterlagen ein, tauschen Gerüchte aus, ein ganz normaler Arbeitstag. "Die Pressekonferenz noch und dann sind wir fertig."

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    foto: honsig
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