Erfolgreicher Klimaschutz für die Mumien von St. Michael

31. März 2006, 10:13
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Spenden und Gratisarbeit ermöglichten Rettung im letzten Moment

Wien - "Jetzt ist es soweit - jetzt kann's los gehen", freut sich Alexandra Rainer für "ihre" Toten. Denn, so die wissenschaftliche Leiterin der Sanierung der Michaeler Gruft: Anfang April kann eine weitere wichtige Etappe im Untergrund der Michaeler Kirche in Angriff genommen werden. Die Bestattung Wien wird eine Woche lang insgesamt 183 Särge auf speziell angefertigte Kupfergestelle heben. Gratis. Die luftige Höhe soll den vom feuchten Boden beschleunigten Verfall stoppen.

Seit Oktober 2005 läuft das von Rainer koordinierte Notprogramm in der Gruft, bei dem es dem Team nicht nur gelang, den wilden Holzfraß des Rüsselkäfers zu stoppen - sondern vor allem auch jede Menge Geld zu sparen.

Alarm

Alexandra Rainer hatte ihn entdeckt und Alarm geschlagen: Der in Europa sonst unbekannte, eingeschleppte Rüsselkäfer (Pentartrum huttoni) war die größte Gefahr für die Gruft und ihre Mumien: Ohne rasches Gegensteuern wären die Holzsärge in der Michaelergruft in drei bis fünf Jahren komplett zerfressen gewesen, wie Professor Erhard Halmschlager von der Bodenkultur Wien bestätigte.

Also wurde die klimatechnische Notbremse gezogen: Die Firma PME - die schon bei der Postsparkasse gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt klimatechnisch aktiv war - spendete der Gruft eine Entfeuchtungs- und Klimaanlage im Wert von 33.000 Euro. Das Ziel: Bei konstanter Temperatur von zehn Grad wird der Rüsselkäfer inaktiv - bei einer relativen Luftfeuchte von 65 Prozent hört er auf sich zu vermehren. Ganz abgesehen davon, dass die hohe Luftfeuchtigkeit den Särgen grundsätzlich zusetzte.

Seit Oktober wurden der Gruftluft insgesamt 4300 Liter Wasser entzogen - der klimatische Zustand wird ständig durch Messreihen begleitet. Und tatsächlich wurde seit der Absenkung der Temperatur kein neues Häuferl Bohrmehl mehr entdeckt. Mitte des Jahres soll abschließend beurteilt werden, ob die Stabilisierung der Gruftluft geglückt ist.

Selbst gelötet Dann die neuen Sarg-Gestelle: Das billigste Angebot belief sich auf 30.000 Euro - also löteten Rainer und ihr Team das Kupfer selbst zusammen und ersparten zumindest 15.000 Euro. Sogar für die Restaurierung des Sarges von Pietro Metastasio, dem Mozart-Librettisten, wurde Hilfe gefunden: Die Wiener Mozartjahr-Gesellschaft sprang mit 6000 Euro ein. Dazu kommen noch jede Menge unentgeltlich geleistete Arbeitsstunden - vom Team in der Michaelerkirche, von der Firma PME und immer wieder von der Bestattung Wien.

Wenn dann ab 3.April die Särge auf die Kupfergestelle gehoben sind, können nach den wichtigsten Akutmaßnahmen die nächsten Schritte beginnen: "Nach der Hebung könnte die Restaurierung der Holzsärge starten", hofft Rainer. Auch könnten weitere Schädlinge mit einer Begasung bekämpft werden. Dafür müssten allerdings für vier Jahre jeweils rund 100.000 Euro aufgestellt werden. (DER STANDARD-Printausgabe, 21.03.2006)

Roman David-Freihsl

Link: Michaelerkirche

  • Alexandra Rainer, wissenschaftliche Leiterin der Sanierung, kontrolliert die Messdaten in der Michaelergruft. Der Luft wurden bereits 4300 Liter Wasser entzogen, die Temperatur wurde konstant gesenkt.
    foto: christian fischer

    Alexandra Rainer, wissenschaftliche Leiterin der Sanierung, kontrolliert die Messdaten in der Michaelergruft. Der Luft wurden bereits 4300 Liter Wasser entzogen, die Temperatur wurde konstant gesenkt.

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