Ein Musiktheaterkäfig voller Fragen

20. März 2006, 21:41
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Die "Zauberflöte" als etwas verworrene "Zauberflöte 06" in der Neuen Oper Wien

Wien - Die Idee ist ja charmant, vielleicht gar ein nächster logischer Schritt auf dem Weg zur Annäherung an alte Werke: Man inszeniert sie nicht mehr radikal, dekonstruiert sie nicht regiemäßig; vielmehr erfolgt die Neudeutung einer Oper gleich durch deren Neukomposition - auf Basis des Originals.

Nun denn: Da ist zwar Sarastro, bei Thomas Pernes (Musik) und Gloria G (Libretto) ist er allerdings ein in eine Weltkarte eingehüllter Mix aus Geschäftsmann und Diktator mit Zerstörungsfantasien (von Steven Gallop eindringlich gezeichnet). Da ist auch die Königin der Nacht (Gerald Karzel bringt die Zerbrechlichkeit der Figur gut zur Geltung); im Museumsquartier haust sie im Keller, hängt als Zwitterwesen an Infusionsschläuchen und taucht nur auf, um sich künstlerisch zu präsentieren.

Tamino verliebt sich zwar in Pamina (solide Rebecca Nelsen). Aber letztere wird ermordet, und Tamino (tadellos Alexander Kaimbacher) zum Nachfolger Sarastros auserkoren, ertränkt diesen. Alles passiert in einem düsteren Party-Ambiente (Bühne: Walter Schütze), man sieht eine repressive, gewalttätige Gesellschaft, deren Opfer in Käfigen hausen und bei Bedarf niedergespritzt werden.

Doch Themen wie Kapitalismuskritik und Geschlechterdefinition, von Regisseur Andreas Leisner routiniert umgesetzt, sie produzieren keine Musiktheaterganzheit, die überzeugen könnte. Die musikalische Anlage des Ganzen liefert dazu ihren Beitrag - fast möchte man sagen, ganz bewusst: Thomas Pernes will keine durchgehenden Linien präsentieren, seine polystilistische Handschrift bedient die einzelnen Szenen als autonome Gebilde, arbeitet quasi collagenartig.

Da ist Mozart im Original, da sind elegische Lieder, freejazzige Einspielungen wie auch herzhaft stampfende Clubbingklänge. Und das tadellose amadeus ensemble-Wien unter Walter Kobéra wird auf adagioartige Wellen der Melancholie eingeschworen.

Für Momente entfaltet dies einen gewissen Charme. Auch die Augenblicke, da sich vom Band eingespielte Monologe über die Szene legen, erlangen eine gewisse Poesie. Dennoch: Den Eindruck einer etwas verworrenen Geschichte, die nicht vom Fleck kommt, wird man bis zum Schuss nicht los. Ein paar erklärende Worte im Programmheft hätten durchaus geholfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.03.2006)

Von Ljubisa Tosic


Weitere Vorstellungen:
29., 30. und 31. März. 19.30 Uhr

nächste Uraufführung der Neuen Oper Wien:
"Requiem für Piccoletto"
28. März, Museumsquartier
Infos: 01/218 25 67
  • Steven Gallop (Sarastro) und Alexander Kaimbacher (Tamino).
    foto: neue oper wien

    Steven Gallop (Sarastro) und Alexander Kaimbacher (Tamino).

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