Auf der Suche nach dem verlorenen Tabu

20. März 2006, 19:33
posten

Wieder wird in New York nach dem Geist der US-Kunst gefahndet: Die Whitney-Biennale 2006 sucht nach Wegen aus der momentan so finanzkräftigen Sinnkrise

New York - Die Kuratoren der aktuellen Whitney-Biennale - Chrissie Iles (Kuratorin am Whitney Museum) und Philippe Vergne (Walker Art Center Minneapolis) schicken es in ihrem Vorwort zum Katalog selbst voraus: Wie kann die traditionsreiche Überblicksschau (seit 1932) zur Lage der - im weitesten Sinn - amerikanischen Zeitgenossenschaft in der Unmenge von internationalen Biennalen, Kunstmessen und Großausstellungen noch relevant sein?

Und: Selbstverständlich waren viele der dicht ins Whitney gepackten Kunstwerke schon öfter einmal zu sehen. Das macht sie zwar weder besser noch schlechter, bietet aber immerhin Anlässe zur beiläufig vorgetragenen Fadesse: "Saw this in Venice, Paris, London . . .!"

Womit etwa Francesco Vezzolis Trailer für ein Remake von Caligula gemeint ist, ein hübscher Fake, in dem Gore Vidal unter Hollywood-Bedingungen sagen darf, dass die Beobachtung von Dekadenz Not tut, weil eigentlich jeder Moment der Geschichte ein Moment der Krise ist. Und ach ja: Viel Sex kommt in der Vorschau zum nie produzierten Streifen natürlich auch vor. Nichts also für die jugendlichen Besucher der amerikanischen Biennale, die müssen mit allerhand Gewaltszenarien vorlieb nehmen, während die Eltern gut 20 Minuten lang das explizite Material zum alten Rom kritisch beäugen.

Mit einem Remake kann die Whitney-Biennale auch am Eingang aufwarten. Um dieses zu erkennen, ist aber schon ein Langzeitgedächtnis erforderlich: 1966 hat Mark di Suvero in Los Angeles einen Artist's Tower for Peace installiert, und mehr als 400 Künstler haben damals dazu beigetragen, den Turm auch ordentlich herauszuputzen. Schließlich ging es doch gegen den Vietnamkrieg, und Leon Golub, Donald Judd, Roy Lichtenstein und Marc Rothko sind, von heute aus gesehen, die bekanntesten unter den Aktivisten. Die Neuauflage hat Mark di Suvero gemeinsam mit Rirkrit Tiravanija (geboren 1961 in Buenos Aires) besorgt, und wieder haben Hundertschaften an Künstlern kritischen Baumschmuck abgeliefert:

Allein mit der Benennbarkeit des Feindes ist mittlerweile alles etwas komplizierter geworden, das einst so klare Bild von Utopie ist einer vagen Sinnkrise gewichen, alles scheint ein wenig öd und hohl und böse.

Die ganze Biennale ist am Suchen, weiß nicht recht, ob am Weg aus der auf hohem Preisniveau gefestigten Depression jetzt Aktivismus angebracht ist oder Infantilität, Konsum oder anonymes Kollektiv, Melancholie, Ennui, Glamour oder Mystizismus. Verlorene Identitäten, verlorene Paradiese, Ermattung im Dazwischen von Realität und Fiktion: Ein "comming home" jedenfalls wäre nett, bloß wo ist das?

Subversionsroutine

Die Wahl des Mediums reicht schon lange nicht mehr aus, um heimzukommen, scharfe Fotos sind ebenso wenig im Stande, endlich wieder die so erträumte Bewegung auszulösen, wie arg bewusste Kritzeleien. Und Subversion ist auch schon wieder abgenudelt: Wenn Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick eine Wrong Gallery gründen und dort eine Personale für einen echt amerikanischen "Outlaw"-Künstler ausrichten, dann kennt man den schon lange, bevor man noch begriffen hat, dass es ihn gar nicht gibt.

Robert Gober bannt lange schon abgebrauchte Träume in edlen Silver-Gelatin-Prints, Rodney Graham überlässt zur Abwechslung einen Kristallluster die Hauptrolle in einem 35-mm-Loop, Liz Larner formt ein Knäuel aus diversen Plastikbändern, Rohren und Kabeln, Rudolf Stingel porträtiert sich selbst als alternden Intellektuellen französischer (Sanges-)Schule - und Christopher Williams zeigt erneut die scharfen Fotos von Kameraobjektiven.

"Stop Bush"

Alle dekonstruieren sie sicher etwas damit, alle stellen alles infrage. Kaum einer wagt sich an eine Meinung heran. Richard Serra immerhin hat - ganz gegen seine Art - einen irakischen Häftling hoch expressiv ins Bild gesetzt und "Stop Bush" drübergeschrieben. Als Kunstwerk will er das aber nicht verstanden wissen.

Bleibt Urs Fischer zu erwähnen: Der 1973 geborene Schweizer, der abwechselnd in Zürich und Los Angeles lebt, lässt auf rotierend angebrachten Armen Kerzen überlappende Kreise aus Wachstropfen ziehen, was schon allein dadurch im Biennale-Rahmen von einiger Qualität ist, weil die Arbeit angenehm unaufgeregt einfach da ist. Dem gelernten Wiener wird Fischer noch mit einer anderen Arbeit in zwiespältiger Erinnerung sein: Er hat am Hietzinger Platzl vor zwei Jahren ein Haus aus Brot gebaut und damit Anrainer wie Bezirksvorstehung verstört. Von wegen der Armut, aber auch der Ratten.

Und auch noch wichtig: Die Whitney-Biennale nennt sich Day for Night: Der Titel ist einem Truffaut-Film von 1973 entlehnt: Bei Truffaut wird ein Film im Film gedreht, um derart das eigene Tun irgend wie verständlicher zu machen. Das passt recht gut zur Biennale-Suche nach einem Sinnstifter: Sponsoren gibt es mittlerweile genug. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.03.2006)

Von Markus Mittringer aus New York


Whitney Biennial
Bis 28. 5.
  • Realismus in jeder denkbaren Ausprägung ist auch auf der Whitney-Biennale 2006 zu finden: Als Skulptur "Silencer" bei Hannah Greely oder...
    foto: whitney biennial

    Realismus in jeder denkbaren Ausprägung ist auch auf der Whitney-Biennale 2006 zu finden: Als Skulptur "Silencer" bei Hannah Greely oder...

  • ... in Lack auf Metall bei "Stepping up" von Marilyn Minter.
    foto: whitney biennial

    ... in Lack auf Metall bei "Stepping up" von Marilyn Minter.

Share if you care.