Diplomatische Wirbel um Robbenjagd

22. März 2006, 19:27
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Politischer Missgriff einer kanadischen Senatorin: Der Kritik einer US-Familie an der Robbenjagd antwortete sie, die Kanadier fänden ihrerseits die Politik der USA "widerwärtig"

Ottawa - Jedes Jahr im Frühling produzieren die Kanadier Negativschlagzeilen in der Weltpresse: Die Regierung in Ottawa genehmigt die Tötung von ein paar hunderttausend niedlichen Robben im Packeis, weltweit wird gegen diese "Barbarei" protestiert, die Kanadier fühlen sich unverstanden, und ein paar Wochen später ist alles wieder vergessen.

Heuer aber geht es an der Protestfront besonders hoch her. Schuld daran sind neben dem früheren Beatle Paul McCartney und dem ehemaligen Filmstar Brigitte Bardot die kanadische Senatorin Celine Hervieux-Payette, die bisher kaum jemand im Land kannte.

Für die in der kommenden Woche beginnende Jagdsaison hat die Regierung das Töten von 525.000 Jungrobben erlaubt. Das "Ausdünnen" des Bestands müsse sein, erklärte das Fischereiministerium, weil die Robbenherde inzwischen auf mehr als fünf Millionen Tiere angewachsen sei. Die Tiere würden zu viele Fische vertilgen, was die Fischer arbeitslos mache und nicht einmal gut für die Robben sei. Die Gegner des "Robbenschlachtens" bestreiten die Zahlenangaben.

Umfragen zufolge ist auch die Mehrheit der Kanadier mit diesem Ausdünnen nicht einverstanden, und in den Zeitungen tobt wieder ein heftiger Leserbriefkrieg, der von ausländischen Prominenten kräftig befeuert wird. Paul McCartney ließ sich beim Streicheln von Jungrobben filmen, morgen, Mittwoch, will Brigitte Bardot in Ottawa einen "französischen Boykott kanadischer Produkte" verkünden.

Aber noch mehr Wirbel löste Senatorin Hervieux-Payette aus. Die hatte einen harschen Protestbrief einer US-Familie bekommen, die ein Ende des "widerwärtigen Abschlachtens unschuldiger Tiere" verlangte.

"USA destabilisieren die Welt" Worauf die Senatorin zurückholzte: "Wir Kanadier verbitten uns Belehrungen aus den USA. Denn wir finden widerwärtig, dass Ihr Land täglich unschuldige Menschen im Irak tötet, Todesstrafen hauptsächlich an farbigen Häftlingen vollzieht, die Bürger des Landes mit Unmengen von Schusswaffen versorgt und die Regierung mit einer aggressiven Außenpolitik die ganze Welt destabilisiert."

Worauf der kanadische Botschafter in Washington die US-Nation beruhigte, dass es sich dabei um die Meinungsäußerung einer einzelnen kanadischen Politikerin handle und nicht um die Meinung seines Landes und erst recht nicht um die Einschätzung seiner Regierung.

Jetzt läuft in den kanadischen Medien der Leserbriefkrieg über die Berechtigung der "Abrechnung" mit US-amerikanischen Zuständen an. Und diese Diskussion wird vermutlich sehr viel länger dauern als das Scharmützel um das Robbenschlachten. (DER STANDARD-Printausgabe, 21.03.2006)

Autorin Victoria Greystone ist freie Journalistin in Victoria, Britisch-Kolumbien, Kanada.
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