Interview: "Migration negativ für schlecht Ausgebildete"

21. März 2006, 10:19
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Verstärkte Zuwanderung als Chance oder Bedrohung für Österreich? fragte DER STANDARD Helmut Hofer vom Wiener Institut für Höhere Studien

STANDARD: Braucht der Wirtschaftsstandort Österreich, rein volkswirtschaftlich betrachtet, ausländische Arbeitnehmer?

Hofer: Derzeit haben wir hier eine sehr bipolare Situation. Der kleine Teil hoch qualifizierter Spezialisten stärkt das Innovationspotenzial der heimischen Volkswirtschaft. Die große Anzahl ausländischer Arbeitnehmer, die in den letzten vier Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Österreich gekommen sind, war bereit zu Niedriglöhnen zu arbeiten. Damit konnte sich in der letzten Jahrzehnten immerhin ganze Industriezweige, wie die Textilindustrie, halten.

Freilich hätte man diese Zeit besser zu Umstrukturierungen nutzen müssen. Die Textilindustrie ist ja dann trotzdem stark geschrumpft. Durch die hohe Rate ausländischer Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich ist diese Schrumpfung aber zeitlich stark verzögert worden.

STANDARD: Hoteliers, wie etwa der Chef der Interessensvertreter der heimischen Luxushotels, Sepp Schellhorn, meinen, dass ohne ausländische Arbeitskräfte - etwa Ostdeutsche - ihr Geschäft derzeit gar nicht mehr funktionieren würde. Ein Positivbeispiel für Sie?

Hofer: Durchaus. Die jungen Deutschen, die derzeit vor allem im österreichischen Tourismus unterkommen, stärken den heimischen Wirtschaftsstandort, weil sie flexibel und zumeist auch gut ausgebildet sind.

STANDARD: Stützen oder schaden ausländische Arbeitnehmer dem österreichischen Arbeitsmarkt längerfristig?

Hofer: Migration ist gesamtwirtschaftlich durchaus positiv zu sehen. Simple Aussagen wie etwa "jeder Ausländer nimmt einem Inländer den Job weg, sind wissenschaftlich gesehen nicht zulässig. Aus ökonomischer Sicht vorzuziehen sind jedoch gut Qualifizierte. Der gesamtwortschaftlich positive Effekt verteilt sich freilich nicht gleichmäßig. Negativ wirkt sich Migration naturgemäß auf schlecht ausgebildete In- und Ausländer aus, die sowieso die schlechtesten Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

STANDARD: Ein Szenario, das auch in Zukunft droht?

Hofer: Die Ausländer aus den neuen EU-Ländern, welche nach dem Auslaufen der Übergangsfristen nach Österreich kommen, werden gut ausgebildet sein, in Niedriglohnjobs eingesetzt werden und Druck auf die bestehenden Arbeitslosen und schlecht ausgebildete Inländer machen. Ein zu erwartender starken Zustrom ausländischer Arbeitskräfte sollte deshalb rechtzeitig kanalisiert werden, sonst könnte ein Big Bang bei der Arbeitslosenquote drohen.

STANDARD: Inwieweit stützen ausländische Arbeitnehmer das soziale Netz?

Hofer: In den Staatssäckel zahlen sie derzeit noch mehr ein, als sie herausbekommen. Freilich darf man aber nicht außer Acht lassen, dass für die ersten Generationen der Gastarbeiter in den nächsten Jahren auch Pensionszahlungen in großem Stil anfallen werden. Mit den Abgaben für die Pensionsversicherung zahlen ausländische Arbeitnehmer derzeit mehr in Topf als sie herausbekommen.

Rechnet man diesen Pensionsbrocken freilich heraus, zahlen ausländische Arbeiter und Angestellte derzeit 1,8 Milliarden Euro Steuern und Abgaben, die Ausgaben liegen hingegen bei 2,1 Milliarden Euro. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2006)

Zur Person

Der in Wien promovierte Volkswirt Helmut Hofer arbeitet am Institut für Höhere Studien (IHS). Sein Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich der Arbeitsmarkt- politik sowie in der Konjunkturprognostik.
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