"Schon ein riesiger Sieg"

21. März 2006, 09:23
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Tausende Oppositionsanhänger demonstrierten nach den Präsidentenwahlen: Die Opposition fordert Neuwahlen

Tausende Oppositionsanhänger demonstrierten in Belarus (Weißrussland) nach den Präsidentenwahlen gegen das Regime von Alexander Lukaschenko. Weitere Proteste sollen folgen. Die Opposition fordert Neuwahlen.

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Die Straßen in Minsk waren leerer als an üblichen Sonntagen. Keine Staus auf den breiten Chausseen. Und wenige Studenten. Dass im Selbstbedienungsrestaurant an der "Straße der Unabhängigkeit" dennoch Hochbetrieb herrschte, war wohl auch dem Umstand zuzuschreiben, dass viele andere ihren Laden schon früher als sonst dicht gemacht hatten. Manch einer schien den Tag der Präsidentenwahlen zu feiern, wie das schon zu Sowjetzeiten Tradition war. Als Anlass zum Umtrunk gilt der Wahltag bei Weitem nicht als der Schlechteste.

Schon Stunden vor dem Schließen der Wahlurnen hatten staatsnahe Umfraginstitute am Sonntag einen haushohen Sieg für den diktatorischen Amtsinhaber Alexander Lukaschenko verkündet. Davon war ohnehin jeder ausgegangen. Und weil in der weißrussischen Mentalität ein Regime ein Schicksal ist, geht man auch dementsprechend damit um: Hat man sich einmal damit abgefunden, lebt es sich leichter.

Gegen acht Uhr Abend kam Unruhe im Restaurant auf. "Schließen oder nicht schließen", überlegte die Restaurantbesitzerin laut: "Mir wird bange." Wie die Gäste wusste auch sie nicht, wie sie sich verhalten sollte, als die Straße immer belebter wurde. Wenige hundert Meter weiter auf dem Oktoberplatz versammelte die Opposition die Leute zum friedlichen Protest gegen die Wahlfälschungen.

Hals umdrehen

Den Hals werde er all jenen umdrehen, die etwas gegen den Staat unternehmen, hatte Alexander Lukaschenko noch am Samstag gewarnt. In Weißrussland ist das keine leere Phrase. "Mit Demonstrationen erreicht man bei uns nichts. Das einzige, was du bekommst, sind Schläge auf die Nieren", sagte ein Taxifahrer.

Die Staatsmacht war am Sonntagabend nicht weniger irritiert als die Demonstranten selbst. Keine der Seiten hatte damit gerechnet, dass über 15.000 Leute den Drohungen trotzen und drei Stunden im dichten Schneegestöber ausharren würden. Was folgte, war ein gegenseitiges Abtasten. Jede Bewegung registrierten die zahllosen Sicherheitskräfte nervös.

Und teils schon nicht mehr geheim, sondern für jedermann hörbar, gab die zivil gekleidete Staatssicherheit die Losungen auf den Plakaten und das Auftauchen neuer Plakatträger ans Koordinationszentrum durch. Dort hat man offenbar entschieden, für das Erste nicht einzugreifen - weil zu viele ausländische Beobachter da sind, vermuteten manche, andere sahen die Hand des Moskauer Kreml am Werk, der den jähzornigen Lukaschenko zur Mäßigung überredet habe.

Die Angst sitzt tief

Die Minsker Demonstranten waren weit von einer kritischen Masse entfernt, die eine weitere Revolution hätte lostreten können. Zu tief sitzt die Angst. "Meine Familie ruft mich nach Hause. Sie sagt, man wird auf die Demonstranten schießen", erzählte ein TV-Produzent, der im Zuge der Knebelung der Medien unter Lukaschenko entlassen worden war. "Aber noch bleibe ich. Ich habe ihnen versprochen, mich etwas abseits von der Menge zu stellen." Dort standen viele und wussten nicht so recht, ob sie mehr Aktivität zeigen sollten.

Zu Provokationen ließ sich niemand hinreißen. Korrekt verhielt sich die Menge, taktvoll, und störte nicht einmal den Verkehr. "Lang lebe Weißrussland" skandierten die Demonstranten und schwenkten Fahnen der verbotenen weißrussischen Nationalbewegung. Allein die Regie fehlte. Dafür hatte die Staatsmacht vorgesorgt, indem sie alle Revolutionstechnologen schon in Vorfeld hatte verhaften lassen.

Erst spät in der Nacht tauchten die Oppositionsführer Alexander Milinkewitsch und Alexander Kosulin auf dem Oktoberplatz auf. "Wir haben schon einen riesigen Sieg erzielt", sagte Milinkewitsch zu seinen Anhängern: "Die Menschen haben ihre Angst überwunden." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.03.2006)

Von Eduard Steiner aus Minsk
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    ... gingen am Sonntag in Minsk über 15.000 Menschen auf die Straße.

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    Trotz deutlicher Drohungen von Weißrusslands Präsident Lukaschenko...

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