"Freier sollen wissen, wo sie Kunde sind"

20. März 2006, 18:12
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Henny Engels erklärte Fritz Neumann die Ziele und Probleme der anlässlich der Fußball-WM initiierten Kampagne "Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution" - ein Interview

Standard: Frau Engels, es heißt, dass 40.000 Zwangsprostituierte eigens wegen der WM-Endrunde im Juni und Juli nach Deutschland kommen. Eine richtige Einschätzung?
Engels: Diese Zahl wird seit Monaten kolportiert, ist aber höchst spekulativ. Wir wissen nicht, wie viele Zwangsprostituierte mehr die WM ergibt. Wir wissen nur, dass es mehr werden. Uns ist jede Zwangsprostituierte eine zu viel.

Standard: Wie ist der Deutsche Frauenrat an das Thema herangegangen?
Engels: Wir haben im September die deutschen Nationalspieler angeschrieben, wollten ihnen klar machen, dass viele der betroffenen Frauen genauso jung sind wie sie, und dass die Fußball-WM für diese Frauen alles andere als ein Fest sein wird. Wir haben sie gebeten, sich öffentlich gegen Zwangsprostitution auszusprechen. Nur einer hat überhaupt geantwortet, anschließend aber auch das Thema fallen gelassen.

Standard: Und doch hat sich die Kampagne mittlerweile, wenn man so will, zu einem Boom entwickelt. Wie das?
Engels: Die Frankfurter Rundschau hat auf Seite eins eine Geschichte mit dem Titel "Das Schweigen der Männer" geschrieben, und plötzlich war der Boom da.

Standard: Zuletzt hat sich dann doch auch der DFB Ihrer Kampagne angeschlossen.
Engels: Ja, inzwischen hat der Geschäftsführende DFB-Präsident, Theo Zwanziger, sogar die Schirmherrschaft für die Kampagne übernommen. Das ist ein großer Erfolg. Der DFB hat schon mit anderen Kampagnen viel erreicht - gegen Rassismus, gegen Drogen, gegen Gewalt zwischen Fans. Er kann uns helfen, noch mehr Männern begreiflich zu machen, dass Gewalt gegen Frauen ein Männerthema ist.

Standard: Was genau ist das Ziel der Kampagne "Abpfiff", was soll sie bezwecken?
Engels: Seit 7. März sammeln wir Unterschriften, die wir Kanzlerin Merkel übergeben werden. Wir hoffen, dass über die WM hinaus ein Bewusstsein geschaffen wird. Dass es dann mehr Beratungsstellen und Beraterinnen gibt, die die Polizei zu Einsätzen begleiten. Dass den betroffenen Frauen besser geholfen wird - viele sind ja in einer juristischen Zwangslage, sind Täter, weil sie gegen das Aufenthaltsgesetz verstoßen, sind aber natürlich vor allem Opfer.

Standard: Wie kann diesen Opfern geholfen werden?
Engels: Wir fordern, dass diesen Frauen drei Monate Bedenkfrist eingeräumt wird, in der sie nicht abgeschoben werden können. Dass ihnen, wenn sie aussagen, ein gesicherter Aufenthalt zugesagt wird, das kann bis zur Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm gehen. Eine zentrale Forderung zielt darauf ab, dass die Existenz der Frauen auch in ihrer Heimat gesichert ist. Denn eine große Mehrheit der Frauen will wieder zurück nach Hause. Viele Menschen fragen sich, ob es Tatjana in Bukarest wirklich genauso gut gehen muss wie Michelle in Paris. Wir fragen zurück: Warum eigentlich nicht?

Standard: Wie stehen Sie dem schwedischen Modell gegenüber? In Schweden ist der Kauf sexueller Dienstleistungen verboten, es macht sich also nicht die Prostituierte, sondern der Freier strafbar.
Engels: Nach allem, was wir hören, ist das Problem dort keineswegs gelöst. Prostitution wird eher illegalisiert, gerät erst recht in den Untergrund. Prostitution verschwindet nicht durch Verbote. Das haben vor uns auch schon andere gedacht. Augustinus hat schon im 4. Jahrhundert gesagt: "Wer versucht, die Prostitution abzuschaffen, der sprengt die Gesellschaft." Unsere Kampagne richtet sich nicht gegen Prostitution, nicht gegen Prostituierte und nicht gegen ihre Freier, sondern gegen Zwangsprostitution, ein schweres Verbrechen.

Standard: Wie reagierte das legale horizontale Gewerbe auf die Kampagne?
Engels: Viele Prostituierte fürchten, dass wir die Freier kriminalisieren und ihnen das Geschäft kaputtmachen. Das wollen wir sicher nicht. Die Frage ist, ob man Bordellen nicht den Status von konzessionierten Gewerbebetrieben geben kann. Dann könnte man auf diese Betriebe verweisen. Ziel wäre es, dass alle Freier wissen, wo und bei wem sie Kunde sind. Prostitution an sich ist eine legale Dienstleistung, und viele Prostituierte hoffen ganz genau wie die Gastronomie auf Gewinnzuwächse während der WM.

Standard: Zuletzt ist die Idee aufgetaucht, für die WM-Zeit wieder Visapflichten einzuführen, auch für Frauen aus bestimmten EU-Ländern.
Engels: Das ist erstens der falsche Weg, und wird zweitens auch nicht funktionieren.

Standard: Was halten Sie von den Verrichtungsboxen, in denen man(n) sich in den deutschen WM-Städten angeblich sozusagen im Vorbeigehen sexuell befriedigen lassen kann?
Engels: Soweit wir wissen, sind diese Boxen ein reines Gerücht, es wird sie nicht geben. Nur in meiner Heimatstadt Köln stehen ähnliche Einrichtungen, aber die gibt es schon seit Langem und nicht eigens wegen der WM.

Standard: Haben Sie schon den einen oder anderen deutschen Fußballer dafür gewinnen können, für die Kampagne "Abpfiff" zu werben?
Engels: Bis jetzt nicht. Wir wurden um Verständnis gebeten. Die Zeit bis zur WM ist knapp, und unsere Spieler haben nur noch Fußball im Kopf. Überhaupt nach dem 1:4 in Florenz gegen Italien. (DER STANDARD, Print, 20.3.2006)

Zur Person:

Henny Engels, Jg. 1949, Buchhändlerin, Sozialarbeiterin, Politologin. Seit 2001 Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates, eines Zusammenschlusses von 55 bundesweit agierenden Frauenverbänden.

  • Henny Engels, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats
    foto: derstandard
    Henny Engels, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats
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