California Dreamin'

20. März 2006, 17:39
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Nachruf auf eine Utopie: "Malibu Song" von Werner Hanak und Natalie Lettner

Das Ende der Reise hatte viele Namen. Die in den US-Westen zogen, kamen bis an den Pazifik – und dort zu keiner oder nur trügerischer Ruhe. Die Stationen hießen San Francisco, der Schmelztiegel schlechthin; Monterey mit Steinbecks "Cannery Row"; das Lala-Land der Träumer und Sternchen, Los Angeles.

Oder Malibu. Der Ort liegt nahe genug bei L. A., dass man dessen Dunstglocke sehen kann. Anderseits weit genug entfernt, dass die Strände sauber und entsprechend begehrt sind. Am Wasser reihen sich die Villen derer, die sich Malibu leisten können. Das Hinterland aber war die längste Zeit eine halb verwilderte Landschaft mit Canyons.

In einem, dem Topanga Canyon, hatte sich ein kalifornisches Biotop erhalten: eine improvisiert siedelnde Gemeinschaft von Künstlern, alternden wie nachwachsenden Hippies – Leute, die es eben hierher zog, weil das Land offen, Hawaii zu weit und der Genius Loci da war.

Natalie Lettner und Werner Hanak lernten Ende der Neunziger die Community im Canyon als Idylle kennen. Als sie 2002 nach Malibu zurückkehrten, hatte Lettner die Idee, deren Leben filmisch zu dokumentieren. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Filmemacher bereits, dass das Projekt zu einem Nachruf werden könnte. Inzwischen ist "Malibu Song" genau das: ein Abgesang.

Inmitten des gigantischen Stahl- und Asphaltimperiums Südkalifornien, so erzählt einer der Bewohner, habe es eine kleine, von einer Fee geschützte Blase gegeben, innerhalb derer ein Leben ohne die Einschränkungen der gehetzten Upwardly-mobile-Existenz ringsherum möglich war. Das klingt nach gegenkulturellem Kitsch, doch es kommt anders. Nicht nur, weil die Blase platzt, auch weil das Video die Biografien ausbreitet:

Der Dichter etwa, der physisch im Canyon, aber emotional am Rande der Milchstraße lebt und auf eine Pop-Vergangenheit mit Captain Beefheart zurückblickt; die Frau, die sich erinnert, wie sie Malibu am Unabhängigkeitstag 1969 zum ersten Mal gesehen und nie wieder verlassen hat; den Maler, der, von Warhol entdeckt, sich bestens verkauft hatte, bis er erkannte, "wie blöd Kunst ist". Und so weiter.

Lettners und Hanaks Dokumentation konzentriert sich darauf, wie die dort Ausharrenden mit dem Räumungsbescheid umgehen. Sie urteilt und dramatisiert nicht, vermeidet den sozialkritischen ebenso wie den Westcoast-Euphorie-Pathos. Ernüchternd zeigt der letzte Teil, wie die Protagonisten "danach" leben. Während die eine den Verlust der Utopie nicht verwindet, ist der andere stolz auf seinen neuen Grill in der Reihenhaussiedlung. Doch der erste Eindruck überwiegt: These are the days to remember. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2006)

Von Michael Freund

24. 3, Schubert 2, 23.00; Wh: 26. 3., UCI Annenhof 7, 11.30

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    foto: diagonale
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