Aufsichtsräte "völlig überrascht"

22. März 2006, 18:45
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Karibische Verluste und "Pipes" waren Aufsichtsräten der Bawag zum Teil nicht bekannt

Wien – "Entsetzen habe ich mir schon abgewöhnt" – so fasst ein Aufsichtsratsmitglied der Bawag P.S.K. die jüngsten Ereignisse in der Bank zusammen. Auch andere Aufsichtsräte gaben sich am Montag "völlig überrascht". Sie berichten, von karibischen Gesellschaften, Fonds und Vorsorgen für dort geparkte Verluste von bis zu 465 Mio. Euro "nichts gewusst zu haben".

Das gelte auch für die "Pipe"-Geschäfte in den USA und damit in Verbindung stehende Gesellschaften. "Wir haben zwar beispielsweise von der Gesellschaft Austost in Liechtenstein gewusst oder vom Einstieg der Bawag in die dortige Bank Frick. Aber das meiste, was mit den Beteiligungen zu tun hatte, wurde nur von den Chefs, unter vier bis sechs Augen, abgehandelt", sagte ein Bawag-Kontrollor zum STANDARD.

Wie berichtet, hat die Bawag in den USA nicht nur Probleme mit ihren Refco-Krediten, sie war auch in "Pipe"-Deals (hochspekulative Investments in Unternehmen, die oft darin münden, dass die Investoren die Gesellschaften in die Pleite drängen) aktiv. Erst Bawag- Chef Ewald Nowotny hat die "Pipes" im Februar abgedreht.

Briefkastenfirmen

Und: In sieben Briefkastenfirmen auf der Insel Anguilla wurden Verluste (angeblich 465 Mio. Euro) aus schief gelaufenen Investments geparkt. Für sie soll bereits bilanziell vorgesorgt worden sein.

Ein Bawag-Kontrollor bringt die jetzigen Karibik-Geschäfte mit jenen unter Walter Flöttl in den Neunzigerjahren in Verbindung: "Die Karibik-Geschäfte wurden 1994 abgedreht; aber weil ein abruptes Vorgehen Verluste bringt, ließ man die Geschäfte nach und nach auslaufen. Die Bawag hat dann nur noch Vermittlertätigkeiten übernommen. Mag sein, dass die Verluste daher rühren." Aus der Bank ist zu hören, die jetzigen karibischen Verluste stammten aus der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre bis rund ums Jahr 2000. In den Büchern seien die Transaktionen jedenfalls "korrekt verbucht" worden, betonte die Bawag am Montag.

Viel mehr dürften Nowotny und sein Vize Stefan Koren aber auch noch nicht wissen. Sie sind Tag und Nacht unterwegs, um die internen Dokumente zu finden – und die Verantwortungsfrage zu klären. Auf die Ergebnisse ihrer Recherchen warten zwei Herren besonders gespannt: Heinrich Traumüller und Kurt Pribil, die Chefs der Finanzmarktaufsicht FMA. Sie wollen Informationen, und zwar rasch. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2006)

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