"Die dort im Schlachthof – das sind wir"

20. März 2006, 19:47
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Nikolaus Geyrhalter über seine Dokumentation "Unser täglich Brot", eine bildgewaltige Reise durch die moderne Lebensmittelproduktion

Mit "Unser täglich Brot" legt der Dokumentarfilmemacher Nikolaus Geyrhalter eine bildgewaltige Reise durch die Fließbandsysteme, Schlachtanlagen, Legebatterien der modernen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion vor. Claus Philipp sprach mit ihm.

Manchmal beschleicht einen angesichts der kühlen Wucht der Bilder des neuen Films von Nikolaus Geyrhalter das Gefühl, Stanley Kubricks "Odyssee 2001" sei längst von der Realität eingeholt worden. "Unser täglich Brot heute", hergestellt in Fabriken und Farmen quer durch Europa – in der makellos ausbalancierten Fotografie Geyrhalters und einer Montage, die den Produktionsprozess gewissermaßen in eine einzige Maschine verwandelt, bedeutet das: Der Schlachthof wird zum Fließband wird zum Ordinationssaal wird zur Raumstation. Und kein Ausweg in Sicht, kein klärendes Gespräch, in dem gewissermaßen der "menschliche Faktor" wieder ins Spiel käme.

STANDARD: Haben Sie sich denn überhaupt nicht für die Menschen interessiert, die in solchen Arbeitszusammenhängen tätig sein müssen?

Nikolaus Geyrhalter: Im Gegenteil. Ursprünglich wollte ich diese Leute porträtieren, und wir haben auch mehrere Interviews gemacht. Aber es kam kaum mehr heraus, als man sich ohnehin denken könnte. Das hing teilweise damit zusammen, dass wir oft in der Kürze der jeweiligen Drehs vor Ort nicht die nötigen Vertrauensverhältnisse aufbauen konnten. Gleichzeitig wurde klar, dass wir uns durchaus auf unkommentierte Plansequenzen beschränken können. Die Menschen haben jetzt vordergründig nicht mehr so einen großen Raum, ich glaube aber, dass wir über die Erzählung der Arbeitssituationen näher an den Menschen sind, als wir das durch Interviews sein könnten.

STANDARD: Wie haben Sie denn überhaupt die Drehgenehmigungen bekommen? Sie produzieren hier ja alles andere als Imagewerbung.

Geyrhalter: Natürlich hat ein großer Teil der angefragten Betriebe verweigert. Ein paar konnten wir aber überzeugen, indem wir klarstellten: Es geht uns nicht um Skandalisierung, PR machen wir aber auch nicht für euch. Wir wollen lediglich den Alltag zeigen. – Diesbezüglich herrscht, glaube ich, in der Landwirtschaft ein gewisser Frust. Das Bild der dortigen Berufe stimmt überhaupt nicht mehr damit überein, was Wirklichkeit ist. Das Design einer Milchpackung suggeriert ja immer noch, dass der Bauer ein paar Kühe, einen Hund und eine Katze hat. Und darunter leiden die Leute schon: dass keiner weiß, was sie eigentlich tun. Das war wohl ein Faktor, aus dem heraus man uns letztlich vor Ort oft mehr Spielraum gewährte.

STANDARD: Also eine Form stiller Rache auch an den eigenen entfremdeten Verhältnissen?

Geyrhalter: Einige Betriebe waren stolz darauf, zeigen zu können, was State of the Art ist. Sie fühlten sich durchaus geehrt, dass wir bei ihnen die derzeit modernsten Arbeitsbedingungen dokumentieren. Eine markante Geschichte in diesem Zusammenhang: In einer Kükenfarm in Polen, da hatten wir wohl eher einen suspekten Eindruck hinterlassen. Die wollten die bei ihnen gedrehten Sequenzen nach dem Rohschnitt sehen. Dem bin ich auch nachgekommen. Interessanterweise fanden die Chefs dieser Firma das letztlich nicht nur nicht schlecht, sondern sie haben auch noch den restlichen Film genau studiert, so unter dem Motto: Was können wir uns von anderen Betrieben abschauen?

Die haben schon gesehen, dass das alles nicht gerade imagefördernd ist. Aber sie sagten: Was soll's, man kann dagegen nichts tun. Es entspricht ja auch der Realität. Wie bei einer Leistungsschau.

STANDARD: Das heißt, Kritik an diesen Mechanismen rennt gleichsam gegen die Gummiwand der Selbsterkenntnis? Es ist ja derzeit gleichzeitig wie ein schlechter Witz, dass diese Küken zum Beispiel von der Vogelgrippe-Gefahr weg in die Kälte der Bodenhaltung "gerettet" werden sollen.

Geyrhalter: Diese "Aktualität" hat uns recht unerwartet eingeholt. Eigentlich dachte ich zuerst, dass das nie und nimmer ein Film für ein breites Mainstream-Publikum wird. Und jetzt kommt er, wohl auch dank der jüngsten Debatten und Besorgnisse, Mitte April mit gleich acht Kopien heraus.

Zur "Selbsterkenntnis" nur so viel: Kaltblütig, wie das Tierschützer gerne sehen, war von den von uns Befragten niemand, weder in den Schlachthöfen noch sonst wo. Bei keinem anderen Film habe ich so nette Menschen getroffen, die halt einfach alle ihren Job machen. Der junge Mann, der da die Kühe absticht – ein total lieber Kerl! Einer wie er muss halt machen, was er macht, auch mit der Berechtigung: "He, ihr alle wollt billig essen – beschafft euch das aber nicht selber." Nicht, dass ich da jetzt die Schuld auf den Konsumenten abwälzen wollen würde – aber diesen Kreisläufen von Angebot und Nachfrage, von Preisdruck und Effizienz kommt man mit simplem Moralismus nicht bei.

STANDARD: Gut, aber man kann sich andererseits wohl kaum auf ein saloppes "Es ist, wie es ist" zurückziehen.

Geyrhalter: Wie ist es? Das ist die Frage. Man gewöhnt sich auch sehr schnell an alles. Das habe ich im Schlachthof an mir selbst beobachtet. Ich könnte das irgendwann auch, und Sie wohl auch. Nicht von heute auf morgen, aber es geht. Die Leute dort in der Schlachtanlage, das sind wir.

STANDARD: Das war ja immer schon ein Thema in Ihren Filmen, egal ob Sie jetzt in Tschernobyl im Gefolge des Reaktorunglücks oder im kriegsversehrten Bosnien drehten ...

Geyrhalter: Das fasziniert mich immer wieder: Wie schnell sich der Mensch an das zuerst Unvorstellbare gewöhnt. Als Dokumentarist stoße ich ja selbst immer wieder auf Orte und Systeme, die könnte ich mir gar nicht ausdenken, wenn ich sie nicht finden würde – und dann ist sehr schnell alles "normal". Insofern recherchiere ich also zuerst immer eher nach etwas, das ich noch nicht weiß, als nach einem "Missstand". Die Beschreibung des Missstands ergibt sich dann ja ohnehin wie von selbst. Letztlich, denke ich, sieht man im Film ja auch nicht Sachen, die man sich nicht schon vorher vorstellen hätte können. Man denkt halt nur meist nicht genauer nach.

STANDARD: Das ist, wenn man den Titel Ihres Films weiterdenkt, für Sie aber doch sehr wohl eine moralische Frage?

Geyrhalter: "Unser täglich Brot gib uns heute / und vergib uns unsere Schuld ..." Klar: So was schwingt bei mir schon immer mit. Ich hielte es aber für Filmkünstler ziemlich fatal, wenn solche Schuldzuweisungen die Bilder und die Erzählung vorantreiben. So macht man es sich zu einfach. Im Kino "aufklären" zu wollen, das sehe ich denn auch gar nicht als meine Aufgabe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2006)

23. 3., Schubert 1, 19.30; Wh: 26. 3., Schubertkino 1, 16.30
  • "Letztlich sieht man im Film nicht Sachen, die man sich nicht schon vorher vorstellen hätte können. Man denkt halt nur meist nicht genauer nach" (Nikolaus Geyrhalter).
    foto: stadtkino

    "Letztlich sieht man im Film nicht Sachen, die man sich nicht schon vorher vorstellen hätte können. Man denkt halt nur meist nicht genauer nach" (Nikolaus Geyrhalter).

  • Nikolaus Geyrhalter, Fotograf, Kameramann, Regisseur und Produzent, 1972 geboren in Wien, debütierte 1994 mit "Angeschwemmt". Mit weiteren Dokumentar-Essayfilmen wie "Das Jahr nach Dayton" (1997), "Pripyat" (1998) und dem epischen "Elsewhere" (2001) avancierte er zu einem der international bekanntesten heimischen Filmemacher.
    foto: stadtkino

    Nikolaus Geyrhalter, Fotograf, Kameramann, Regisseur und Produzent, 1972 geboren in Wien, debütierte 1994 mit "Angeschwemmt". Mit weiteren Dokumentar-Essayfilmen wie "Das Jahr nach Dayton" (1997), "Pripyat" (1998) und dem epischen "Elsewhere" (2001) avancierte er zu einem der international bekanntesten heimischen Filmemacher.

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