"Oben ohne" zum Schutz der Demokratie

21. März 2006, 07:00
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Niederländische Einbürgerungs-DVD mit "landestypischen" Szenen - Test auch in Deutschland diskutiert - ein Kommentar

Nicht-EU-BürgerInnen, die künftig mehr als fünf Jahre in den Niederlanden leben wollen, können und sollen sich im Vorfeld auf Sprache und Kultur vorbereiten und einen Einbürgerungstest bestehen. Zum besseren Verständnis der niederländischen Gesellschaft dienen eine DVD bzw. ein Video mit Zubehör (knapp 64 Euro). Die anschließende Prüfung kann an 138 niederländischen Botschaften auf der ganzen Welt abgelegt werden (350 Euro). Sprachkenntnisse und das entsprechende Wissen über das Land müssen Einwanderungswillige einem Computer gegenüber beweisen; zu Fragen wie "Bereitet man Tee mit heißem oder kaltem Wasser zu?" und "In welchen Müll gehört Frittierfett?" ... das alles noch vor Betreten des Landes.

Die DVD, die auf eine liberale Gesellschaft und ihre demokratischen Werte hinweisen und auf das "typische Leben in den Niederlanden" vorbereiten soll, enthält u.a. Filmszenen, die Frauen oben ohne am Strand und zwei Männer schmusend zeigen. Bei der "entschärften" Version fehlen Bilder (halb)nackter oder offensichtlich homosexueller Personen - für Länder, in denen der Besitz solcher Bilder unter Strafe steht.

Kritik

Die "Integrations"-Ministerin der Mitte-Rechts-Regierung, Rita Verdonk, bestreitet, dass ImmigrantInnen mit dem Einbürgerungstest abgeschreckt werden sollen. Vielmehr gehe es um eine wirkliche Integration all jener, die in den Niederlanden bleiben wollen. KritikerInnen sprechen von Diskriminierung, warnen vor der Verletzung religiöser Gefühle von Muslimen durch den Film und geben zu bedenken, dass es "kein kluger Weg ist, Menschen in den Niederlanden willkommen zu heißen". In Deutschland zeigen sich zahlreiche Politiker vom "legitimen Mittel zum Schutz der Gesellschaft" (O-Ton Staatsrechtsexperte) begeistert. In Österreich fordert eine Partei die Abschiebung langzeitarbeitsloser AsylwerberInnen.

Rund um die sich verbarrikadierende "Festung Europa" und die damit verbundene Diskussion um einwanderungswillige Menschen ist ein Detail der niederländischen Praxis genauer hervorzuheben: "Landestypische" Bilder halb nackter Frauen als Aushängeschilder einer demokratischen Grundordnung und als Toleranzbeweis zu verstehen, führt zur weiteren Sexualisierung von Frauenkörpern und ihrer Wahrnehmung als Objekten. Dass an manchen Stränden nackt gebadet werden darf und homosexuelle Menschen in den Niederlanden heiraten dürfen, kann auf andere Art und Weise vermittelt werden. Auf Grundrechte für Frauen und Männer weisen Fragen wie "Wer kann einen Antrag auf Ehescheidung stellen?" (eine der geplanten 100 Fragen in Deutschland) und "Wann wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt?" ("Landeskundetest" in Österreich) besser hin. Wenn schon via umfangreicher Wissenstests gefragt werden muss, was viele Geburts-EinwohnerInnen eines Landes nicht beantworten könnten ...
(Daniela Yeoh)

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    "Landestypische Filme" und Prüfungsfragen später ... wer besteht und Toleranz zeigt, ist laut Immigrations- Hardlinerin Rita Verdonk in den Niederlanden "mehr als willkommen".
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