Deutsche Ärzte verschärfen Streiks

24. März 2006, 11:24
1 Posting

Neue Gespräche vereinbart - ver.di rechnet mit wochenlangem Arbeitskampf im öffentlichen Dienst

Hannover/Berlin - In den Streit um die Bezahlung der deutschen Klinikärzte kommt Bewegung. Die Chefunterhändler der Ärztegewerkschaft Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft der Länder wollen sich am Donnerstag zu Verhandlungen in Berlin treffen, wie Sprecher beider Seiten mitteilten. Die Ärzte verschärften am Mittwoch ihre bundesweiten Streiks an Universitätskliniken und Landeskrankenhäusern noch einmal. Nach Gewerkschaftsangaben legten insgesamt rund 8000 Mediziner ihre Arbeit nieder und damit etwa doppelt soviel wie am Vortag. In Hannover zogen am Nachmittag rund 3000 Demonstranten in einem Protestmarsch zum Amtssitz von Länder-Verhandlungsführer Hartmut Möllring (CDU), der in Niedersachsen Finanzminister ist. Möllring unterstrich seine Gesprächsbereitschaft.

Im Tarifkonflikt des öffentlichen Dienstes änderte die Gewerkschaft in Baden-Württemberg ihre Arbeitskampfstrategie. Während die Streiks bei zahlreichen Kindertagesstätten und Müllabfuhren im Land ausgesetzt wurden, zielten die Aktionen von ver.di nun vor allem auf die Kassen der Kommunen: So wurden die Gemeindevollzugsdienste bestreikt, so dass Knöllchen etwa für falsches Parken nicht mehr eingetrieben werden.

Die Klinikärzte streikten nach Angaben ihrer Gewerkschaft Marburger Bund am Mittwoch bundesweit an 14 Unikliniken und sieben psychiatrischen Landeskrankenhäusern. Schwerpunkte der Aktionen waren diesmal Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die Mediziner fordern eine starke Aufstockung ihrer Bezüge, bessere Arbeitszeiten und einen arztspezifischen Tarifvertrag. Seit vergangener Woche versuchen sie mit Streiks, den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen.

Arbeitgeber-Verhandlungsführer Möllring lehnte erneut die Ärzte-Forderung nach Einkommenserhöhungen um 30 Prozent ab und verwies auf weitgehende Übereinstimmungen zwischen beiden Seiten in zahlreichen Feldern außer der Gehaltsfrage. Die Länder hätten den Ärzten schon ein "tolles Angebot" gemacht, das unterm Strich Einkommenserhöhungen von 20 Prozent vorsehe. Ein Sprecher des Marburger Bundes wies dies zurück: "Das Angebot ist nicht toll, sondern es ist schändlich." In Hannover sollte am Nachmittag Verbandschef Frank Ulrich Montgomery auf einer Kundgebung sprechen. Auf Transparenten der demonstrierenden Ärzte hieß es "Ständige Überstunden und zittrige Hände - wir wollen mehr Geld".

In Baden-Württemberg verlagerte die Gewerkschaft ver.di den Schwerpunkt der Streiks in den Kommunen, damit gezielt die Gemeinden und nicht länger hauptsächlich Bürger getroffen werden können. So setzten einige Müllabfuhren im Land ihre Streiks aus, andere - wie etwa die Müllabfuhr in Mannheim - beschlossen Streikpausen in den kommenden Tagen. "Ein Teil der Kollegen sieht es so, dass der Streik für die Katz war, dass wir jetzt fast sieben Wochen daheim waren und dass wir Geldeinbußen gehabt haben und unterm Strich ist nichts dabei herumgekommen", sagte Müllfahrer Karl-Heinz Zettler. Sein Kollege Udo Piedecker sagte: "Vom Herzen her könnten wir eigentlich weiterstreiken. Wir sehen allerdings auch die Notwendigkeit, dass die Bürger auch wieder ein Recht auf die Normalität haben."

Nachdem die Schlichtung im Tarifkonflikt in den Kommunen im Südwesten gescheitert war, rechnet ver.di mit einem wochenlangen Arbeitskampf. Die Gewerkschaft streikt seit mehr als sechs Wochen bei Müllabfuhr, Verwaltungen, Kindergärten und Kliniken gegen längere Arbeitszeiten und Kürzungen der Sonderzahlungen für rund 200.000 Beschäftigten der Kommunen in Baden-Württemberg. Die kommunalen Arbeitgeber hatten wie in anderen Ländern ursprünglich eine Arbeitszeitverlängerung auf 40 von 38,5 Stunden verlangt. Sie waren zuletzt aber bereit, sich mit einer Verlängerung auf knapp über 39 Stunden zu begnügen. ver.di will hingegen maximal eine Arbeitszeitverlängerung auf weniger als 39 Stunden und orientiert sich dabei am Abschluss für die Beschäftigten der Kommunen in Niedersachsen.

Auch die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes der Länder streiken gegen eine Verlängerung der Arbeitszeit. Hier sind die Verhandlungen festgefahren, die Streiks wurden in elf Ländern fortgesetzt. (APA/Reuters)

Share if you care.