Ein Brise gegen Zucker

26. März 2006, 21:12
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Diabetiker, die vor Injektionsnadeln Angst haben, könnten mit dem inhalierbaren Insulin Exubera ihre Freude haben - aber nicht uneingeschränkt, wie Ärzte und Experten warnen

Es gibt ältere Diabetiker, die trotz dünner Injektionsnadeln einen Horror vor dem Insulinspritzen haben. Jahrelang nahmen sie wegen der Diagnose "Typ II" Tabletten, um den Zucker zu senken. Nun empfiehlt der Arzt einen Umstieg auf künstliches Insulin, um die Werte besser in den Griff zu bekommen. Trotz Einschulung und geduldiger Helfer fühlen sie sich nicht gut bei dem Gedanken, sich selbst Injektionen geben zu müssen. Unsicher - zum Beispiel aufgrund von Sehbehinderungen. Wie sollen sie da lernen, mit den so genannten "Pens", der am weitesten verbreiteten Form der Insulinspritze, umzugehen, selbst wenn diese unzähligen anderen Diabetikern gar kein Problem macht?

Genau diese Patienten könnten mit Exubera, dem kürzlich in den USA und in Europa zugelassenen inhalierbaren Insulin des US-Pharmariesen Pfizer, glücklich werden. Allerdings auch nicht uneingeschränkt, wie Michael Roden vom Wiener Hanusch-Krankenhaus meint. Man müsste deutlich mehr inhalieren, als man mit Pens injiziert hat, um den gleichen Insulinspiegel zu bekommen. Dadurch könnten, so der Diabetologe, Antikörper entwickelt werden, die einen negativen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel des Patienten haben. Da Insulin außerdem ein "Wachstumsfaktor" sei, könne er aus heutiger Sicht nicht ausschließen, ob dadurch in der Lunge nicht möglicherweise "Wachstumsprozesse" hervorgerufen werden. Schließlich dürfte die Lungenfunktion keinesfalls eingeschränkt sein - bei älteren Menschen sei das, so Roden, nicht selten ein Problem.

Bei Pfizer betont man freilich, dass der Wirkstoff bei mehr als 3500 erwachsenen Patienten getestet wurde - über eine Dauer von bis zu sieben Jahren. "In klinischen Studien erwies sich Exubera als gut verträglich und bei der Kontrolle der Blutzuckerwerte bei Erwachsenen mit Typ-I-oder Typ-II-Diabetes ebenso wirksam wie subkutanes (injiziertes) Insulin." Und man streicht hervor, dass das Medikament, das von Sanofi-Aventis entwickelt und später aufgekauft wurde, nicht nur eine, sondern "die" Lösung für das Problem "Spritzenphobie" wäre. "Bis zu 45 Prozent aller Personen mit Typ-II-Diabetes, die Insulin benötigen, verweigern eine Verwendung, selbst wenn dies von einem Arzt empfohlen wird."

In der Wirkungsschnelligkeit würde sich Exubera schließlich nicht von rasch wirksamen Insulinpräparaten unterscheiden. Das in Mikrokügelchen transportierte Hormon gehe sehr rasch in das Blut über, sodass man "einen Insulinspiegel wie ein Gesunder" erreichen könne. Es würde auch keine Rolle spielen, ob stark oder schwach inhaliert wird.

Experten sind dennoch skeptisch. Reinhard Marek, ärztlicher Direktor der Wiener Gebietskrankenkasse, glaubt nicht, dass es so viele "Spritzenphobiker" gibt, dass ein inhalierbares Insulin nötig sei. Man könne diesen Patienten mit Kursen sicher helfen. Diabetiker seien derzeit mit Pens gut versorgt, es bestehe aus seiner Sicht kaum Notwendigkeit für neue Anwendungsformen von Insulin.

Produktion angelaufen

Ob Exubera von den Kassen bezahlt wird? Im Hauptverband der Sozialversicherungsträger wartet man den Zeitpunkt ab, wenn Pfizer das Medikament "einreicht", um die Versorgung der Patienten über die Krankenkassen zu gewähren. Dann werde man weitersehen. Das wird, laut Pfizer, voraussichtlich im dritten Quartal dieses Jahres so weit sein. "Die Produktion musste ja erst anlaufen."

Tobias Eichhorn, medizinischer Direktor des Pharmakonzerns in Österreich, weiß freilich noch keinen "definitiven Preis". Exubera werde aber sicher teurer sein als das injizierbare Insulin, eben weil größere Mengen gebraucht werden.

Diabetiker befürchten ein nicht vollständiges Rückerstatten der Kosten und in weiterer Folge eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Zuckerkranken. Da wären dann diejenigen, die sich Exubera leisten können, und die, die es sich eben nicht leisten können. Eine Sorge, die Eichhorn durchaus nachvollziehen kann, weil es in Österreich derzeit schwierig sei, mit innovativen Pharmaprodukten auf den Markt zu kommen und die Unterstützung der Kassen zu erhalten. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 3. 2006)

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