Trauer und Unmut bei Milosevic-Begräbnis

21. März 2006, 20:01
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Ex-Präsident in seinem Heimatort beigesetzt

Vor dem Bundesparlament in Belgrad versammelten sich am Samstag zehntausende Menschen, um dem verstorbenen Präsidenten Slobodan Milosevic die letzte Ehre zu erweisen. Es waren vorwiegend ältere Menschen, die sich versammelt hatten und "Slobo ist ein Held" riefen. In der Menge machen Verschwörungstheorien die Runde. Man habe Milosevic ermordet, weil er für die Freiheit kämpfte, der Westen sei an der Misere Serbiens schuld. "Das hier ist das wahre, patriotische Serbien", brüllte ein hoher Funktionär der Milosevic-Sozialisten von der Bühne.

Andere ergingen sich in Tiraden über "Nato-Söldner" und "einheimische Verräter", die der Westen bezahle, um Serbien zu zerstückeln. Man verdammte Milosevics "Mörder" am UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Den Haag. Obwohl es der Oberste Verteidigungsrat verboten hatte, hatten sich auch viele Generäle in Paradeuniformen eingefunden, unter ihnen Exgeneralstabschef Dragoljub Ojdanic, der selbst wegen Verbrechen an der Menschlichkeit vor dem Tribunal angeklagt ist und auf den Prozessbeginn wartet. Aus dem Ausland kamen der ehemalige US-Staatsanwalt Ramsey Clarke, die Russen hatten den pensionierten Generalobersten Leonid Iwaschow, den Generalsekretär der KP Russlands, Gennadi Sjuganow, und den Vizepräsident der Duma, Sergej Baburin, entsandt.

In Belgrad wollte kein Friedhof für die Bestattung des ehemaligen Präsidenten eine würdige Parzelle freigeben. Also zog der Trauerzug in Milosevics Heimatstadt Pozarevac, wo er mit einer Sondergenehmigung der Stadtbehörden unter einer hundertjährigen Linde vor dem Familienhaus begraben wurde.

"Wie ein Kanarienvogel im Garten verscharrt, tote Menschen gehören auf den Friedhof", protestierte eine junge Frau. Ein silberner Mercedes-Leichenwagen, auf dem auf Deutsch "Bestattungsunternehmen" stand, fuhr Milosevics sterbliche Überreste durch die Masse. In Pozarevac bot sich den Zuschauern eine ähnliche Veranstaltung wie in Belgrad: Ein Redner nach dem anderen glorifizierte den "bewundernswerten Freiheitskämpfer", während die Trauergäste voller Erschütterung schluchzten.

Glücklicher Handke

Auch ein Überraschungsgast, der Dichter Peter Handke, kam zu Wort. "Ich bin glücklich, heute anwesend zu sein, in der Nähe Jugoslawiens, in der Nähe Serbiens, in der Nähe von Slobodan Milosevic", sagte er in einer Rede auf Serbisch. Kein Mitglied der Familie Milosevic wohnte der Beerdigung bei. Obwohl die Regierung freies Geleit zugesagt hatte, trauten sie anscheinend dem Frieden nicht.

Im Zentrum Belgrads versammelte sich zur gleichen Zeit eine Menge junger Menschen. Gut gelaunt und mit Trillerpfeifen spazierten sie durch die Fußgängerzone zur Mündung des Flusses Sava an die Donau und ließen dort hunderte bunte Luftballons in die Luft steigen. Im Gegensatz zu den "Vampiren" um Milosevics Leiche wollten sie, nach eigenen Worten, "ein anderes Serbien" zeigen und das Ende einer bösen Epoche und den Frühling feiern. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2006)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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