Zank um hundert Fragen für Ausländer

27. März 2006, 20:08
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SPD lehnt den "Einwanderungstest" der CDU zu Geschichte und Kultur Deutschlands ab

Günther Jauch hat Konkurrenz bekommen. Ähnlich beliebt wie seine Sendung "Wer wird Millionär?" ist in Deutschland derzeit das so genannte "Einwanderungsquiz", das Zeitungen landauf, landab drucken und worüber die ganze Familie brütet.

Ernster Hintergrund des lustigen Ratespiels: Das CDU-regierte Hessen hat einen "Einwanderungstest" vorgelegt. Will ein Ausländer nach acht Jahren Aufenthalt im Lande die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen, muss er nicht nur ausreichend Deutsch können und einen Loyalitätseid auf die Verfassung ablegen, sondern auch exakt 100 Fragen zu Politik, Kultur, Geografie und Geschichte beantworten.

Gefragt wird zunächst nach Flüssen und Bergen. Doch die Hessen interessiert auch, ob der potenzielle Neubürger die Begriffe "Holocaust, Existenzrechts Israels, Mehrparteienprinzip, Reformation und Fünfprozenthürde" erklären kann. Und ob er die Frage "Welche Möglichkeit haben Eltern, die Partnerwahl ihres Sohnes oder Tochter zu beeinflussen?" auch nicht mit "Einsperren und hauen" beantwortet. Im Frühjahr will Hessen den Fragebogen als Antrag für ein bundeseinheitliches Einbürgerungs-Konzept in den Bundesrat einbringen.

Doch die SPD erklärt jetzt schon, sie werde dem niemals zustimmen. "Wer denkt, dass wir unsere Probleme mit Migration und Integration in irgendeiner Form bewältigen können, indem wir Mittelgebirge und Flüsse abfragen, der ist auf dem Holzweg", höhnt SPD-Chef Matthias Platzeck. Kanzlerin Angela Merkel hingegen verteidigt die Hessen. Zwar könne man über die Sinnhaftigkeit der einen oder anderen Frage zwar diskutieren, grundsätzlich jedoch gelte: Der Erwerb der Staatsbürgerschaft "kann nicht im Vorbeigehen erledigt werden".

Die FAZ hat den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der 1958 von Polen nach Deutschland kam, gefragt, ob er die Fragen-Hürde schaffen würde. Seine Antwort: "Wohl nur teilweise, ganz sicher bin ich mir da nicht." (DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2006)

Birgit Baumann aus Berlin
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