Vor den Kindern schwatzen die Mütter

20. März 2006, 21:01
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Die Inszenierung von Thomas Bernhards "Am Ziel" in den Linzer Kammerspielen erzeugt Seltenes: Theaterglück

Mit einer bestrickend sauber gedachten Inszenierung von Thomas Bernhards "Am Ziel" in den Linzer Kammerspielen erzeugt Regisseurin Sabine Mitterecker Seltenes: Theaterglück


Linz - In der Reihe der wirklichkeitsverdammenden mittleren Stücke Thomas Bernhards nimmt das vom holländischen Meer überrauschte Trio Am Ziel seit jeher eine Sonderstellung ein. "Die Mutter" (Silvia Glogner), eine der Trunksucht ergebene Gusswerksbesitzerwitwe, rüstet alljährlich für die Übersiedlung in die Sommerfrische nach Katwijk (NL).

Das klingt nach perlenden Anschlägen am Klavier der Existenzverstimmung - und ist in Wahrheit doch eine zutiefst welthaltige Meditation über das Wesen der Gespensterhaftigkeit: Ab einem gewissen Punkt der Entseelung verwandelt sich das gutbürgerliche Rentenleben in einen stühleklappernden Sitzkrieg gegen den Tod.

Mutters Leibesfrucht (Nicole Coulibaly) legt (im Buch) die Leibwäsche zusammen. Die Tochter entwickelt dabei eine Art maulfauler Renitenz gegen die ausufernde Suada des Muttertieres, das seinem sozialausbeuterischen Appetit obendrein einen "dramatischen Schriftsteller" als Kurgast schmatzend zuführt.

Im zweiten Bild, wenn der Dramatiker (Lutz Zeidler) in den Linzer Kammerspielen ein wenig dreist und bedeutungsgeschwollen im Liegestuhl Platz genommen hat, Gloger mit hochgestecktem Haar auf der strandnahen Rostschaukel sadistisch Weintrauben isst, als risse sie einer Stubenfliege ein Bein nach dem anderen aus, mündet Sabine Mittereckers Inszenierung von Am Ziel tatsächlich in den vorgeschriebenen Bedeutungshafen ein.

Es hat sich zuvor nur etwas Verblüffendes, ja Himmelschreiendes begeben. Mitterecker hat in einem nicht mehr für möglich gehaltenen Entstaubungsvorhang den üblichen, schillernden Sentenzenzucker von der Stückoberfläche weggeblasen. Hat aus dem Herr-Knecht-Verhältnis von Mutter und Tochter eine würgende Symbiose zweier parasitär aufeinander angewiesener Schwundexistenzen erfunden. Mit einer sich mit viel Wodka in eine Rummelplatzhölle hineinsedierenden wüsten Alten (Glogner), die als lächerliches Cowgirl auf einem Elektropferd letzte, verzweifelte Sturmangriffe auf das Kartenhaus des Lebens reitet (Bühne: Anne Neuser).

Im Krieg der Generationen hat sich nicht erst seit Bernhards Ableben eine wunderliche Verwandlung begeben: Die Passivität der gar nicht mehr jungen Kinder erzwingt ein mit Luxus staffiertes Abhängigkeitsschicksal, gegen das jede Teilnahme am kollabierenden Arbeitsmarkt sich als Verdammung zum manifesten Elend ausnimmt.

"Die Tochter" (Coulibaly), ein hohes, schlankes Wesen, das einzig mit Stiefelwippen und Würfelzuckerhunger so etwas wie Unrast andeutet, ansonsten geschmeidig zum CD-Wechsler eilt und makellosen Caffè latte abzapft, sitzt im mütterlichen Käfig wie ein gliederlanger Goldfasan. Der Wohlstand aber ist auf Schuld aufgebaut: Die Karotten knackende Mutter hat den Gusswerksbesitzer mit ihren Etüden der Herzlosigkeit in den Untergang getrieben. Sie hat ein Kind ins Grab gebracht und die Künstlerexistenz der Tochter grob vereitelt. Die zauberhafte Glogner legt ihre langen Redeflächen wie einen ebenmäßigen Parkettboden aus. Nur in der rücksichtslosen Aufbereitung der eigenen, scheinlogischen "Biografie" wirkt etwas weiter vom Gift der Rücksichtslosigkeit, das die bürgerlichen Lebenszusammenhänge erträglich macht. Ein nachgerade eckiger, widerborstiger, in vielem unkulinarischer Abend. Ein großes Wagestück Mittereckers, das jede Strapaze der Bahnanreise lohnt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 20.3.2006)

Von
Ronald Pohl
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