Gute in schlechten Zeiten

19. März 2006, 19:50
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Jack Johnson triumphierte mit freundlichem Folkpop im Wiener Gasometer

Wien - Für manche Leute ist die Welt so angenehm eingerichtet, dass meist ein paar Züge an einer lustigen Zigarette ausreichen, um beim Ausatmen zart im Panoramahintergrund dräuende Cumuluswolken zu verblasen. Das Panorama ist an einem Strand auf Hawaii aufgebaut. Auf den Wellen schaukeln Surfer.

Jack Johnson, der sich gestern bei einem etwas abrupten ,,Reverse" das Kreuz ein wenig verrissen hat und deshalb heute mit den Kumpels nicht rausrudern kann, schwingt sich tatsächlich am Sand befindlich mit Gitarre zum härtesten Klagesong auf, den er sich vorstellen kann: ,,Sitting, Waiting, Wishing". Immerhin will und will zu allem Unglück auch die Freundin nicht mit den ,,Banana Pancakes" vorbeikommen, von wegen ,,Better together"!

Ganz überraschend kommt der Triumphzug von Jack Johnson aus Hawaii nicht. Immerhin bedient der passionierte Surfer, Filmemacher und Songwriter von seiner Strandhütte aus mit seinen menschenfreundlichen Folksongs gegenwärtig ein internationales Verlangen nach Ehrlichkeit und Unkompliziertheit im Pop. Siehe auch: Norah Jones, Corinne Bailey Rae oder Katie Melua.

Von der Männerseite her: Ben Harper, Turin Brakes, Ron Sexsmith, die ganze neue New Yorker Folkszene um Devendra Banhart, ein Schübel sehr junger skandinavischer Songwriter (derzeit heiß: Boy Omega!). Und auch bezüglich des neuen, bald erscheinenden Calexico-Albums ,,Garden Ruins" wird man seinen Ohren bezüglich Sanftmut und Harmonie nicht trauen. Zurück zum derzeit erfolgreichsten Aushängeschild dieser Szene: Jack Johnson wird mit seiner kleinen Begleitband bereits vor dem ersten Ton von einem reiferen Twen-Publikum empfangen wie sonst nur die neueste Sensation auf dem Boyband-Sektor.

Diese Sehnsucht nach Musik, die sich gegen die rauen Winde draußen in der Gesellschaft wendet, allerdings im Idyll noch genügend Kraft aufbringt, um die Wellen für die Weltflucht des Surfens hochzukitzeln, schafft Sicherheit wie Ruhepunkt und vor allem die Idee von sozialer Wärme, die man sich im Alltag heute nicht mehr holen kann. Man kommt bei Johnson nicht drum herum: Das ist natürlich jene Form von freundlicher Lagerfeuermusik, zu der man mit feuchten Augen gern auch einmal an früher und damit an bessere Zeiten denkt.

Der Erfolg von Jack Johnsons Alben, dem stillen, aber umso nachhaltigeren internationalen Erfolg des Albums ,,In Between Dreams" oder dem gegenwärtigen Hit mit dem Soundtrack zum anrollenden Trickfilm ,,Curious George" mag neben einer sanften Hippie-Nostalgie natürlich auch daher rühren, dass man mit Liedern wie ,,Better Together" oder ,,Sitting, Waiting, Wishing" alltägliche Belastungen wie Liebeskummer oder den Ö3-Wecker besser überstehen kann.

Dort läuft die Musik von Jack Johnson erstaunlicherweise ebenso wie auf dem hipperen FM4. Freundlich schrubbt Johnson auf seiner Gitarre oder Ukulele. Der Bassist rumpelt gemütlich dazu. Der Drummer packt auch mal die Interrail-Bongos aus. Auf Klavier oder Ziehharmonika wird der Wehmutsfaktor erhöht. Das Publikum singt bei so gut wie jedem Song mit. 3000 Leute auf Klassenfahrt zu einem Strand der 70er-Jahre. Wir wollen gute in schlechten Zeiten! Hat jemand zufällig ein Haschkeks dabei?! (DER STANDARD, Printausgabe vom 20.3.2006)

Von
Christian Schachinger
  • Stillt erfolgreich das internationale Verlangen nach Ehrlichkeit im Pop - Sänger Jack Johnson.
    foto: christian fischer

    Stillt erfolgreich das internationale Verlangen nach Ehrlichkeit im Pop - Sänger Jack Johnson.

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