Stammgastnadel

18. März 2006, 16:57
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Gastzimmer eines Hotels in einer österreichischen Tourismusgemeinde. Auf einer improvisierten Bühne der Hotelier, die rüstige Greisin Hildegard Rohwedde sowie die Musikformation Schweiger Buam.


HOTELIER (ins Publikum): Liebe Freunde, heute ist ein besonderer Tag! Zum ersten Mal überreichen wir unsere Stammgastnadel nicht in Silber, nicht in Gold, sondern die diamantene Stammgastnadel für siebzigjährige Treue zu unserer schönen Ortschaft und unserem Haus, und zwar an Frau Hildgard Rohwedde aus Schafstedt in Schleswig-Holstein!

(Tusch. Applaus. Er überreicht die Stammgastnadel.)

HOTELIER (zu Rohwedde): Liebe Hildegard, erzähl uns ein bisschen. Wie bist du hierher gekommen, wie war das hier früher so?

ROHWEDDE (glücklich): Also, anfangs war ich ja noch mit den Eltern da, und schon da hat es mir hier sehr gut gefallen, darum bin ich auch später immer wieder gekommen. In den ersten Jahren war das ganz international, da kamen Engländer, Schweizer, auch Juden aus Wien. Das hat ja dann aufgehört unter deinem Großvater, da waren wir nur noch Deutsche und Ostmärker, nich, da war immer Stimmung, wir haben musiziert, getanzt. Einmal war sogar Himmler da, also das, ich muss sagen, das war schon großartig für ein junges Mädchen, mit Himmler zu tanzen, mit Himmler am selben Tisch.
HOTELIER (nervös): Und natürlich die herrliche Landschaft, unsere berühmte Gastfreundschaft . . .

ROHWEDDE: Großartig, ja, großartig, diese Berge! Das Essen war zwar nach'm Krieg 'n bisschen mickrig, aber ich will da gar nichts gegen sagen. Dein Vater war ja noch sehr jung und unerfahren, als er das Hotel übernommen hat, nich, der musste ja da rein von einem Tag auf den anderen, als dein Großvater im Gefängnis war, und er hat das großartig . . .

HOTELIER (noch nervöser): Und seit siebzig Jahren hältst du uns nun die Treue, seit siebzig Jahren fühlst du dich hier wohl, und wir alle hoffen, dass du noch viele Jahre . . .

ROHWEDDE: Nun ja, also ich weiß nich, in letzter Zeit . . . Als ich dies Jahr hier reinkomme und finde die ganze Gaststube voll mit diesen Russen . . . Dein Großvater hätte . . .

HOTELIER (ins Publikum): Danke, vielen Dank, liebe Hildegard! Applaus für Hildegard Rohwedde, die erste Trägerin unserer diamantenen Stammgastnadel!

(Applaus. Tusch. Die Schweiger Buam beginnen aufzuspielen.)

ROHWEDDE (verwirrt): Was, das war's schon? Für siebzig Jahre Treue? Also unter deinem Großvater hätte es das nich gegeben!

(Vorhang)
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.03.2006)
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