Fortgesetzte Widersetzlichkeit

24. März 2006, 13:24
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Für jene sprechen, die keine Stimme haben. Karl-Markus Gauß hinterfragt die selbst ernannten Zentren von den Rändern her

Wenige haben in den letzten beinahe 25 Jahren die Literatur- und Kulturpolitik, oder was man dafür hält, so kontinuierlich und sorgfältig kommentiert wie Karl-Markus Gauß, vor allem aber: Wenige haben so viele Akzente, neue Akzente gesetzt. Und Österreich und seine Probleme, vor allem seine politischen Aufgaben stellen einen zentralen Aspekt dieser Leistung dar: Über Österreich ist im guten wie im schlechten Sinne viel, sehr viel geschrieben worden. Immer wird und wurde das "große Erbe" beschworen, immer wieder wurde - gewiss nicht ohne Grund - auf jene hingewiesen, die sich im Kanon des Österreichischen festgesetzt hatten.

Karl-Markus Gauß hat sich mit einer stupenden Konstanz gefragt, was denn außerhalb dieses so eng abgegrenzten Feldes noch zu finden wäre. Und so sind wir auch aneinander gekommen. Als ich vor beinahe dreißig Jahren meinte, die österreichische Lyrik der Zeit um 1936 unter dem einheitlichen Aspekt der Rustikalität und der Verbundenheit mit dem Regionalen fassen zu können, und den Bogen von Theodor Kramer bis zu Joseph Weinheber schlug, legte Karl-Markus Gauß zusammen mit Erich Hackl heftigen Widerspruch ein, und ich bin ihm heute noch dafür dankbar, dankbar für sein heftiges Eintreten für die dichterischen Qualitäten eines Theodor Kramer, den ich damals eher in die Reihe traditioneller Verseschmiede einreihte, während Gauß und Hackl auf das Besondere dieser Lyrik aufmerksam machten, auf die Zwischentöne, die in diesen oft monoton wirkenden Gebilden zu vernehmen wären, auf eine untergehende Sprachsubstanz, die in diesen Gedichten aufbewahrt, kurzum auf alles, was im Hochmut kultureller Überlegenheit übersehen würde.

 Es ging Gauß immer darum - im Sinne einer Formel Theodor Kramers -, für jene zu sprechen, "die ohne Stimme sind". Es ist auch schön, mit Gauß geteilter Meinung gerade in Werturteilen zu sein, denn hier hat man es mit einer Position zu tun, die erkennbar und in jedem Falle diskutabel ist und das eigene Denken fordert und befördert.

Hier spricht sich immer ein kritischer Leser der Literatur aus, im Besonderen der österreichischen; einer, der nach jenen Ansätzen in der österreichischen Literatur- und Kulturgeschichte gesucht hat, "die der Nation demokratische Impulse geben könnten". Zu Gauß gehört auch Karl Kraus, mit dem er sich intensiv auseinander setzte und durch den er zu jenen fand, gegen die Kraus so heftig polemisiert hatte, so zu Albert Ehrenstein, dem großen expressionistischen Dichter; der Satz von Walter Benjamin, dass nichts so gottverlassen wie die Anhänger von Kraus, nichts so töricht wie dessen Gegner sei, diese Skylla und Charybdis der Bewertung von Karl Kraus hat Gauß, ein echter Odysseus im Meer der Meinungen, gewandt durchfahren.

Mit Kraus hat er sich auseinander gesetzt, weil er über Ernst Fischer promovieren wollte, über diesen wachen Kopf, der den orthodoxen Genossen oft so viel Kopfzerbrechen bereitet hat, und von ihm scheint es mir, hat Gauß viel gelernt. Es geht immer um Revision dessen, was sich in den Köpfen vom Urteil zum Vorurteil verfestigt hat. So eine Stimme verdiente es vor allem gehört zu werden, wenn im Laufe der Dezennien Bedenken und Gedenken gefordert werden, einfach weil die Grundlagen dieses Bedenkens und Gedenkens befragt und in ihrer Fragwürdigkeit erkennbar werden.

In seinem am Vorabend des Beitritts Österreichs zur EU geschriebenen Essay mit dem Titel Ritter, Tod und Teufel hat Gauß die bizarren Verrenkungen in den weltanschaulichen Turnübungen der Befürworter und Gegner drastisch dargestellt und zugleich der österreichischen Besonderheitsidentität ein Monument errichtet, das dem Lande in seiner Entwicklung gerecht zu werden und das Recht kleinerer Einheiten auf ihre Besonderheit mit der Emphase nüchternen Aufklärers zu festigen sucht. Sich jenen zu widersetzen, die ihre Normen anderen aufzwängen wollen, bedarf in einer Gesellschaft, die dem Fortschritt allenthalben zu dienen wähnt, der Gründe.

Wo Vereinheitlichung ansteht: Wozu noch die Besonderheiten, wenn es um zügige Kommunikation und Effizienz geht? Gehört nicht alles, was irgendwie nach Nationalismus schmeckt, in die Rumpelkammer der Geschichte? Die Antwort von Karl-Markus Gauß: "Der Nationalismus, wie er in unseren Amtsblättern zeitgemäßen Verhaltens gegeißelt wird, ist immer ein Nationalismus der Kleinen. Es sind immer die kleinen Völker, die der Bannstrahl des Nationalismus trifft, ja allein ihr Wille, sich gegenüber größeren, reicheren, mächtigeren Brüdern und Nachbarn zu behaupten, erscheint schon als nationalistische Verblendung, als spießiger Widerstand gegen Entwicklungen, die nun einmal nicht aufzuhalten sind. Dass sie auf ihrer eigenen Sache bestehen, wird ihnen gerne als gefährlicher Kult des Unterschieds, als Fanatismus der Abweichung übel genommen, indes der zivilisierte Nationalismus großer Staaten, welche Macht und Mittel haben, ihre Interessen durchzusetzen, als Politik der realen Vernunft gerechtfertigt bleibt."

"Unterschiedenes ist gut", haben wir bei Hölderlin gelesen, das gilt für die kleinsten Gemeinwesen und für die großen Staatenbünde. Die Widersetzlichkeit eines Karl-Markus Gauß - und er ist ihr treu geblieben über die Jahre - ist nicht der Justament-Standpunkt des Enttäuschten, sondern verdankt sich dem Blick des Kritikers, der den Durchblick hat und weiß, welchen Interessen sich die geltenden Normen, auf die sich die Ritter des Zeitgeistes einschwören, verdanken. Ich kenne wenige, die der Produktivkraft des Eigensinns so viel an produktiver Energie abzugewinnen vermögen, eines Eigensinns, der sich nicht auf den Convenus unserer Alltagsrede niederlassen kann. Manche setzen sich gerne ins Zentrum, und solche selbst ernannten Zentren befragt Gauß von den Rändern her. Was als marginal bezeichnet und in seiner Marginalität belassen wird, rückt in den Lichtkegel seines Betrachtens: So auch die Randzonen der Donaumonarchie, diese Regionen, aus denen auch Hofmannsthals Unbestechlicher kommt, der Diener Theodor, aus den Waldkarpaten, wo sich die Füchse gute Nacht sagen. Gauß, der in Salzburg lebt und Wien eine begeisterte Eloge als der Stadt gewidmet hat, die den Zusammenhalt Österreichs garantiere, hat eben deren Qualitäten aus der Tradition abgeleitet, in der Wien eine "offene Stadt" im besten Sinne war, offen für die Zuwanderung aus dem Osten.

Nicht um Rekonstruktion der "verschollenen Annalen" in Galizien und andere Territorien im Osten Österreichs ist es Gauß zu tun, sondern um uns ihre Gegenwart aus ihrer Geschichte verständlich zu machen. Es gibt wenige Texte, die der Tradition des Reisebildes so gerecht werden wie die Texte von Karl-Markus Gauß, in denen er seine Reiseerfahrungen gestaltet hat. Pur, asketisch im besten Sinne, der Sprache, dem Wort vertrauend, fernab vom verschmockten Feature und dem Schwachsinn der Powerpoint-Präsentation versteht er es zu erzählen, plastisch und deutlich, ohne selbstverliebten Gestus: Das führt zurück in jene Regionen, aus denen Sperber kam, das weist auf jene Menschen, die am Rande lebten und über die das Interesse der Historiker großmütig hinwegging, von denen keine Fortschritte zu erwarten waren. Fern von jener neu erwachten Mittel- und Osteuropa-Nostalgie erzählt Gauß von seinen Reisen, verfängt sich nicht in den Fußangeln des Anekdotischen; seine Episoden lassen immer ein Allgemeines transparent werden, kein billiges fabula docet, sondern ein beispielhaftes Fragen nach Ursachen, eine Feststellung von Versäumnissen, eine Klage um Verluste, in die sich nicht selten auch fortissimo eine auf konkrete Persönlichkeiten zielende Invektive mengt.

Der Essay ist Gauß' Domäne, und beim Essay inkludiert die Gattungsbezeichnung auch das Werturteil. Einen schlechten Essay kann es schlichtweg nicht geben. Mit seinen Essays hat er die österreichische Literatur auch aus der babylonischen Befangenheit der sich stets regenerierenden Sprachreflexion heraus-und zur Sprache zurückgeführt, und somit hat er dem Preis, der ja dem Essay gelten sollte, die schönste Reverenz erwiesen. Zum vierzigjährigen Bestehen von Literatur und Kritik, der Zeitschrift, der Gauß zu einem neuen Renommee verholfen hat, ist soeben eine Sondernummer erschienen, ein Beweis dafür, dass es in Österreich möglich ist, eine Zeitschrift europäischen Zuschnitts zu präsentieren. Da hat Karl-Markus Gauß schon sei Langem den Vorsitz und sicher noch länger als das nächste Halbjahr. (DER STANDARD, Printausgabe vom 18./19.3.2006)

Wendelin Schmidt-Dengler, Jahrgang 1948, ist Professor am Institut für Germanistik der Universität Wien. Er ist Herausgeber der Werke Heimito von Doderers und Mitherausgeber der Werke Thomas Bernhards und Albert Drachs.

Karl-Markus Gauß, geboren am 14. Mai 1954 in Salzburg. Studium der Germanistik und Geschichte, ist Schriftsteller, Literaturkritiker und Herausgeber (unter anderem der Zeitschrift "Literatur und Kritik"). Er schreibt unter anderem für "Die Zeit", "FAZ" und die "NZZ". Zuletzt erschien von ihm bei Zsolnay der Band "Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen duch die Zips und am Schwarzen Meer" (€ 22,10). Anfang April wird im Otto Müller Verlag der Foto- und Textband (Fotos von Kurt Kaindl) "Der Rand der Mitte" (€ 25,-) erscheinen.

 

Von
Wendelin Schmidt-Dengler

Es handelt sich bei diesem Text um die leicht gekürzte Laudatio, die Wendelin Schmidt-Dengler anlässlich der Verleihung des mit 7300 Euro dotierten Manès-Sperber-Preises an Karl-Markus Gauß hielt.
  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
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