Nicht zum Broterwerb

23. März 2006, 14:01
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Aus einer alten Pariser Bäckerei machte Christian Lacroix ein Hotel

Gebauschte Röcke an der Wand. Daneben blühen Hüte wie Pariser Frühlingsblüten hinterm Betthaupt. Und im nächsten Raum: glänzender Lack, schwarz. Dazu Strass, ein Zaubergarten mit Zimmernummer, einmal streng, dann feminin und flamboyant. Und im nächsten Raum: sachte Streifen, fast schon biedermeierlich versteift. Doch zum Damast passt auch der Sichtbeton der Moderne.

So wie überhaupt alles irgendwie zusammenpasst, wenn ein Haus menschlich, sprich widersprüchlich werden will. Räume wollte er schaffen, so markant wie Pariser Individuen, und im Idealfall so spannend wie die Menschen und Mauerecken des Stadtviertels Marais. So viel stand für Christian Lacroix von Anfang an fest, als er den Auftrag, erstmals auch ein Hotel auszustatten, übernahm.

Räume gestalten, die weiter reichen als Röcke

Keineswegs in der Art jener gnadenlos durchgezogenen Stilkonzepte, denen andere ihre Vorzeigehotels unterordnen. Nein, ein bewohnbarer Flagship-Store stand Lacroix nicht im Sinn. Eher schon meldeten sich die Träume seiner Kindheit zurück, die im Laufe der langen Karriere aufs Nebengleis geraten waren: der alte Wunsch, einmal Räume zu gestalten, die weiter als Röcke reichen.

Die Latte lag hoch, auch ohne des Meisters persönliche Ansprüche, die er an sich und an das Hotel du Petit Moulin stellte. Oder sagen wir lieber: Die historische Relevanz schwebt als Erinnerung an jenen feinen Brötchenduft in der Luft, der das Haus erfüllte, als es noch eine Bäckerei war. Und zwar nicht irgendeine, sondern die älteste von Paris, ein Relikt aus der Zeit, in der sich Victor Hugo hier seine täglichen Croissants abholte.

Zurück in die Zukunft

Aktenkundig war das Haus an der Rue du Poitou im 3. Pariser Arrondissement jedenfalls. Etwa beim Amt für Französisches Kulturerbe, das die Fassade unter die Rubrik "Historische Monumente" reiht. So etwas ist für das im Herzen der Stadt gelegene Marais normal. "Die Zukunft des Marais kann nur seine Vergangenheit sein", hieß es schon vor Jahrzehnten über die verwinkelten Gassen und fürstlichen Fassaden des Viertels, das im 17. Jahrhundert zum Quartier à la mode avancierte, und in dem der Adel wenige Minuten vom Louvre entfernt seine Villen zwischen Gemüsefelder und Schafsdreck setze.

Das war auch Christian Lacroix klar, der vor einigen Jahren selbst von Paris St. Germain ins Marais übersiedelt war und die historische Dichte im Schatten von Picasso Museum, Place des Vosges und Rathaus mit der spannendsten Pariser Hotel-Neueröffnung der letzten Zeit facettenreich umsetzte: Die labyrinthischen Flure und verwinkelten Nischen der alten, ebenerdigen Bäckerei taugten dazu als ideale Basis. Vor allem aber wurde den siebzehn Zimmern wie bei der Typenberatung ein maßgeschneidertes Outfit verpasst.

Alles, was draußen, in den Gassen des Marais auftaucht, sollte sich auch im Hotel du Petit Moulin widerspiegeln: der coole "Zen-Style" der Gegenwart, das Erbe des Rokoko, die kleinen Verrücktheiten der Sixties und venezianische Spiegel, denen in der nächsten Raumecke alabaster-weiße Grandezza gegenübersteht. Resultat: ein Patchwork aus Stilen, aber auch von Stimmungen, von maskulinen und femininen Elementen, von opulenter Verschwendung und karger Größe. Oder kürzer: eine Miniatur von Paris. (DER STANDARD, Printausgabe vom 18:/19.3.2006)

Von
Robert Haidinger

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-petitmoulin.com
  • "Schlafrock" à la Lacroix: Um ein ganzes Hotel neu einzukleiden, hat der Couturier weder mit Ideen noch mit unterschiedlichen Stilrichtungen gegeizt.
    foto: hotel du petit moulin

    "Schlafrock" à la Lacroix: Um ein ganzes Hotel neu einzukleiden, hat der Couturier weder mit Ideen noch mit unterschiedlichen Stilrichtungen gegeizt.

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