Belarus: Schlachtfeld von Despoten und Ideologien

22. März 2006, 11:49
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Die Geschichte zählt zu den opferreichsten im östlichen Europa

Wien - Dass der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko trotz seiner diktatorischen Herrschaftsmethoden relativ starken Rückhalt in der Bevölkerung hat, erklärt sich auch aus der wechselvollen und enorm opferreichen Geschichte der Nation. Sie macht die von Lukaschenko repräsentierte "Stabilität" für viele Weißrussen offenbar zu einem hohen Wert.

Als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld von Despoten und Ideologien hat vor allem im 20. Jahrhundert neben Polen kaum ein anderes Land so viel erlitten. Wiewohl der geografische Ursprung der slawischen Völker auf dem Gebiet des heutigen Weißrussland vermutet wird, könnte man die Nation - unter kulturhistorischen Aspekten und nach modernen Begriffen - als westlich orientiert bezeichnen. Denn nach dem Einfall der Mongolen in Osteuropa schlossen sich die weißrussischen Fürsten im 13. Jahrhundert dem Großfürstentum Litauen an. Beide Nationen nennen sich in ihren Sprachen Litauer (lietuvis/litwin). Durch die polnisch-litauische "Union von Lublin" (1569) wurden die Weißrussen Teil dieses Großreiches - und gerieten in den Strudel einer west-östlichen Auseinandersetzung, die de facto bis heute andauert.

Unabhängigkeit

Infolge der polnischen Teilungen kam das Gebiet ab Ende des 18. Jahrhunderts nach und nach unter russische Herrschaft. Die Unabhängigkeit Weißrusslands wurde erstmals am 25. März 1918 proklamiert. 1920 erkannte Polen, das zwischenzeitlich einen Großteil Weißrusslands einschließlich der Hauptstadt Minsk besetzt gehalten hatte, die Weißrussische Sowjetrepublik an und annektierte im Gegenzug den westlichen Teil des Landes. 1922 schloss sich die Weißrussische Sowjetrepublik der UdSSR an.

Unter Stalin wurde die weißrussische Bildungsschicht systematisch vernichtet, vor allem nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, als durch den Hitler-Stalin-Pakt auch die westlichen Teile des Landes an die Sowjetunion fielen. Die Zahl der Deportierten wird auf bis zu 500.000 geschätzt. Noch schlimmer aber wüteten die ursprünglich von vielen begrüßten deutschen Besatzer. Mehr als zwei Millionen Weißrussen - über ein Viertel der Bevölkerung - wurden von 1941 bis 1944 von Wehrmacht und SS ermordet, die jüdische Bevölkerung fast gänzlich vernichtet.

Ironischerweise war Weißrussland zusammen mit der Ukraine auf Betreiben Stalins 1945 neben der Sowjetunion Gründungsmitglied der UNO und behielt als Sowjetrepublik Sitz und Stimme in der Generalversammlung bis zur Auflösung der UdSSR 1991/92. Ende 1999 schloss Lukaschenko mit Boris Jelzin den russisch-weißrussischen Unionsvertrag, der bis heute nur auf dem Papier besteht. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2006)

von Josef Kirchengast
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